Velomobile in der Zeitung [Sammelthread, KEINE Diskussion!]

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Die "Kritische Masse" ist wieder unterwegs: Teilnehmer treten bei ihren "unhierarchischen" Touren durch die Gießener Innenstadt für sicherere Fahrradwege in die Pedale.


Von Rüdiger Schäfer

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GIESSEN - "Ich bin fast immer hier. Doch ich kenne niemand", sagt Susanne und meint damit die anderen mehr als zwei Dutzend Radler, die sich am Donnerstagabend vor dem Unihauptgebäude in der Ludwigstraße versammelt haben. Es ist eine Veranstaltung von "Critical Mass" (englisch: "kritische Masse"), einer weltweiten Bewegung, bei der sich mehrere, nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer (hauptsächlich Radfahrer) scheinbar zufällig und unorganisiert treffen, um mit gemeinsamen und "unhierarchischen" Fahrten durch Innenstädte - mit ihrer bloßen Menge und dem konzentrierten Auftreten von Fahrrädern - auf den Radverkehr als Form des Individualverkehrs aufmerksam zu machen.

Eine "Critical Mass" hat keinen Verantwortlichen sowie keine zentrale Organisation. "Critical Mass"-Aktionen entstehen in der Regel, wenn irgendeine Person sich einen Ort und einen Zeitpunkt überlegt und zu einer gemeinsamen Fahrt via Internet, Plakate, Mundpropaganda oder einem ähnlichen Kanal aufruft und damit Ort und Zeitpunkt bekannt gibt. Wenn sich daraufhin genügend Menschen einfinden, um gemeinsam zu fahren, findet die Veranstaltung statt. In Gießen ist das nach einer erzwungenen Pause derzeit wieder an jedem ersten Donnerstagabend im Monat um 19 Uhr auf dem Vorplatz des Unihauptgebäudes der Fall. Jeden dritten Sonntagnachmittag im Monat trifft sich zudem um 16 Uhr eine "Kidical Mass" mit auch jungen Teilnehmern. Hierbei geht es um die Forderung, dass auch Kinder sich sicher und selbstständig mit dem Fahrrad in der Stadt Gießen bewegen können.
Bei allen Fahrraddemonstrationen dabei ist bisher der Albacher Hans Wichert. Besonders ins Auge fällt sein Gefährt, ein Velomobil. Das ist ein muskelkraftbetriebenes Fahrzeug, das mit einer geschlossenen Verkleidung ausgestattet ist, die den Fahrer vor Fahrtwind und Regen schützt. Velomobile werden oft aus Liegedreirädern entwickelt. In seinem Wohnort Buseck ist der 67-Jährige in der Verkehrswende aktiv. Bekannt bei vielen ist sein Gefährt nicht nur durch sein auffallendes Aussehen. Es diente auch bei den vergangenen zahlreichen Fahrraddemos in Gießen als Anlaufpunkt für die Unterstützungseinträge der beiden Bürgeranträge für zusätzliche Fahrradwege in der Stadt sowie eine RegioTram/Straßenbahn. Erneut nach Gießen gekommen ist er, weil er "was tun will für die Wende." Es geht ihm um das "Sichtbarmachen, damit endlich gehandelt wird". "Wenn man sich nur auf sein Sofa verkrümelt, ändert sich nichts." Und seine Meinung zum Radwegeausbau rund um Gießen? Wichert fordert generell keine neuen Radwege, denn: "Es gibt genug Straßen. Wenn es weniger Autos werden, folgt daraus zwangsläufig mehr Raum für Radfahrer", ist er überzeugt. Auch an dem Abend ist er wieder mit seinem zwar 2,40 Meter langen, jedoch noch nicht mal einen Meter hohen Velomobil auf der Hangelsteinstraße von Alten-Buseck nach Gießen zu dem Treffen geradelt. Keine Angst umgefahren zu werden? "Nein!" Noch nicht einmal eine Stange mit Wimpel zur besseren Sichtbarkeit? Mitnichten! "Bisher hat mich noch kein Autofahrer übersehen", so seine angstfreie Antwort. Jedoch ärgert er sich, wenn Raser auch noch kurz vor Kreuzungen und Ampeln "mein Fahrzeug schneidend überholen und dann scharf vor mir abbremsen."

Neben vielen jüngeren Fahrern nehmen auch zwei "Oldies" an der Rundfahrt teil. Der 82-jährige Eckart Schneider und Walter Bien (63) fahren nicht zum ersten Mal mit, erzählen sie. "Wir sind der Meinung, dass man der Politik mehr Druck machen muss." Deshalb engagieren sie sich auch für eine Klimawende in Gießen und kandidieren beide auf der neuen Gigg-Liste - Schneider auf Platz 17, Bien auf Platz 6 - für die Stadtverordnetenwahl am 14. März. "Bei zwei, drei Personen im Parlament können wir leichter Anträge stellen und bekommen bessere Informationen", begründen sie ihr Engagement für einen Sitz im Stadtparlament. Schneider, einer der Initiatoren des Bürgerantrages für den Klimawandel "Gießen 2035Null", ist schon lange im Ruhestand. Bien gehört als Parteimitglied den Grünen an und ist in der Kasseler Verkehrsgesellschaft tätig. "Bald jedoch auch im Ruhestand", bemerkt er.

Mit rund 30 Radlern startete der Tross zu einer einstündigen Rundreise durch die Stadt in Richtung Rathaus, um danach auf den Anlagenring einzubiegen. Sind mindestens 16 Radler in einer Gruppe, darf laut Verkehrsrecht zu zweit nebeneinander gefahren werden. Und wenn die ersten des Fahrerfeldes bei Grün eine Ampel überqueren, darf der Rest auch bei Rot weiterradeln und muss nicht anhalten.
 
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