Retrospektive Glorifizierung. Und Ihr so?

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Auf dem 200er am Wochenende hatte ich zwischendurch echt miese Laune: nur 3h geschlafen, Hunger, Pipi, alles blöd. Sogar die niederländischen Radwege fand ich doof. Zumindest zwischendurch.

Und heute?
Beste Tour EVER! Den Sturm überstanden, neue persönliche Bestzeiten, ich könnte sofort wieder los.

Wo ging Euch das so beim Radfahren? Was war in live echt unschön, hinterher (in der Retrospektive) aber wundervoll?
 
Wo ging Euch das so beim Radfahren? Was war in live echt unschön, hinterher (in der Retrospektive) aber wundervoll?
Also ich fand das 200er von Anfang bis Ende gut. (Außer vielleicht da, wo einem der Regen übel ins Gesicht gepeitscht ist und man sich zwischen Schmerzen und Blindflug entscheiden musste...).
Es lief total rund, zügig, der Wind fühlte sich auf allen Kursen wie ein Motor an und ich hatte immer Mitleid mit den armen unverleideten RRlern, die da mit paar Grad Krängung oder gegenan mussten.

Aber so ein Totpunkt/Schweinehund-Thema hatte ich auch früher mal auf einem Brevet. Bis Punkt X lief es so lala - dann kam der grandiose Absturz - kurz vor der Aufgabe. Auf die Wiese gesetzt und 30 min was gegessen und über Abbruch phantasiert. Freundin angerufen. Ach ich fahre noch ein wenig. Dann doch aufs Rad gesetzt, kam noch ein Plattfuß direkt, an einer Tankstelle eine Gruppe gefunden und danach kamen die besten Momente ever! Einfach endloses Gleiten in lauer Nacht im Peloton (damals noch Up) die Rur runter Richtung Wachtendonk.
 
Hör mal @Zapfo , Du stellts hier unser ganzes Lebenskonzept in Frage! Man quält sich durch, leidet, friert, die Knochen tuen einem weh und man ist sich ganz sicher, dass man das auf keinen Fall noch einmal machen wird. Dann warme Dusche, Erholung, Essen, ein Bier und die ersten Gedanken, dass es doch so schlecht nicht war. Eine Woche später lebt die Geschichte von selber, das Sebstvertrauen wächst wieder und spätestens ein Jahr später steht man wieder am Start. Wir sind einfach Meister im Verdrängen und Umdeuten (auch auf andere Lebensbereiche bezogen) :whistle:. Meine größte Umdeutung war ein 600er bei den Ostfalen (damals auf dem Rennrad): 10 Grad und darunter, Starker Sturm von West und wir fuhren 300 Km nach Norden und 300 km nach Süden und permanenter Regen. In meiner Gruppe gab es ein paar Schäden, Schmerzen, einer hat aufgegeben, wir alle haben gelitten. Wenn wir heute über das Brevet erzählen, ist es eine reine Heldensage.
 
 
Meine erste Tour zu meinem Vater: Freitags hin 250 km, Sonntags zurück 250 km. Was kamen mir zwischendurch die Tränen weil mein Körper eigentlich noch nicht wollte (Trainingsstand), noch nicht dazu bereit war. Und jetzt: beste Entscheidung ever, das gemacht zu haben, einfach weil es mir gezeigt hat, dass es geht, und, dass da noch MEHR geht. Menschen sind schon komisch. :ROFLMAO:

Edit: Was mich jedoch immer noch ärgert: es war das Wochenende des Rekordes von @HoSe . und ich bin da tatsächlich fast an seiner Strecke gewesen, nachts bei 3 Uhr ist er bei mir vorbeigekommen, glaube ich... aber ich habe partout keine Energie mehr gehabt, da noch hin zu kommen und mit anzufeuern. Das ist tatsächlich das, was ich da bei der Tour einzig als negatives in Erinnerung habe.
 
Zuletzt bearbeitet:
Reden wir hier über flache Lernkurven? Sehr flache!o_O
Meine Finger waren am WE nach nur ein paar Stunden im Dauerregen so klamm, dass ein Defekt mich echt in Schwierigkeiten gebracht hätte ... ich hätte es wissen können, war ja nicht das erste Mal ... das letzte Mal ist gerade 14 Tage her:X3:
Bei all den BrevetBerichten am WE dachte ich nur, was ich doch für ein Weichei bin ... die hatten ja das gleiche Wetter ...nur min. doppelt so lange
 
Du stellts hier unser ganzes Lebenskonzept in Frage!
Niemals, "Type 2-Fun" hat einen festen Platz in meinem Leben! Nur meine Geschichten kenn ich halt schon alle...


Z.b. als ich nach dem Abi alleine mit dem Rad durch Schweden bin. Erst 4Platten an einem Tag, dann Gewitter, dass der Campingplatz überflutet wurde und direkt im Anschluss hohes Fieber (toll so alleine im Zelt).
Und das böse Erwachen kam mit der Handyrechnung, damals war Roaming noch unbezahlbar.
Ich würde das gern nochmal machen.

P.s.: und es sollte auch keine Kritik an Samstag sein, war ja echt ne prima VM-Runde
 
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offtopic:

Durchs schwedische Fjell mit Langlaufschiern, jeweils 12 Tage Laufen, mit Biwakausrüstung am Rücken, also mit gut 30kg Gepäck begonnen.

So hat sich das angefühlt:
"In der Abenddämmerung beißt die Kälte im Gesicht. Ich hacke angestrengt den hart gefrorenen Schnee aus den Resten einer verfallenen Kota (Kota: eine Art grasüberwachsenes Indianerzelt der Samen in Lappland), während andere unserer Gruppe daneben Schneeklötze sägen, um mit ihnen die größten Löcher der Kota zu verschließen. Ein Stück weiter versucht wieder ein anderer, ein Feuer aus grünen Birkenästen zu entzünden, um Schnee für den dringendsten Durst zu schmelzen, und verbreitet vorerst nur beißenden Rauch. Ich fühle meine wund gelaufenen Fersen in den nassen Schuhen nicht mehr.

Später liege ich müde im Schlafsack, fast satt, auch der größte Durst ist gestillt. „Draußen“ (denn „drinnen“ bedeuten die Schneeklötze um uns herum) stecken die Langlaufschi aufrecht im Schnee, noch weiter um uns ist nichts als Wildnis: verkrüppelte Birken, Heidekraut, Steine, dazwischen ein paar Schneehühner, und über allem Schnee. Eine schmale, verlorene Spur führt zu uns hin, keine weg. Lappland im Spätwinter. Ich bin glücklich."

Grauslig war, wenn wir ein Biwak hinter uns hatten, mit den nassen Socken in die gefrorenen Schuhe zu steigen und wieder los zu laufen. Denn meine Fersen waren fast durchgehend wund. Aber das Erlebnis, das möchte ich nie missen!

Ob ich dort noch einmal laufe? Keine Ahnung, wenn, dann auf niedrigerem Niveau. Über 30 Jahre Familienzuständigkeit ohne Trainingsmöglichkeiten, und nach wie vor kein Ende, das zehrt und kostet Fitness.

Noch etwas: Besondere Erlebnisse kosten etwas. Einen persönlichen Einsatz, Unangenehmes, Überwindung. Wer das nicht will, muss ja nicht. Aber damit erspart er sich eine Menge Erlebnisse, die es nicht zu kaufen gibt!

lg!
georg
 
Wenn ich bei einem lauen Lüftchen und Sonnenschein mit herrlicher Gegend und Zeit für ein schönes Mittagessen mit bester Aussicht und grandioser Laune 200 km mit dem Rad fahre, bin ich auch 200 km gefahren und habe im Geschehen und aus der Retrospektive nur die besten Gefühle. :rolleyes: :love::ROFLMAO:

fluxx, bekennender Warmduscher.
 
Im Radio hatte ich vor ein paar Monaten mal einen Bericht über Gehirn- bzw. Gedächtnisforschung gehört, was ich hier leider nicht verlinken kann, da ich weder weiß, welcher Sender noch welches Datum/Uhrzeit das war, oder andere Details dazu erinnern kann.

Es ist jedenfalls ganz normal, dass man Erinnerungen an einen Urlaub oder ein Erlebnis später idealisiert und sich nur noch an die "schönen Dinge" erinnert. Wie gesagt, die Details erinnere ich nicht mehr, aber vermutlich ist das ein Schutzmechanismus, dass man die schlechten Erinnerungen verdrängt.
 
Wenn man sich erinnert, dass es schön war, wie soll man dann wissen, dass es nicht so schön war?
Ich erinnere mich z.B. an meine Schulzeit, dass sie nicht so schön war. Ich gehe deshalb davon aus, dass sie nicht so schön war.
 
Ich erinnere mich z.B. an meine Schulzeit, dass sie nicht so schön war.

Es gibt natürlich immer Ausnahmen. Eine gescheiterte Beziehung und den damaligen Partner bzw. die Partnerin wird man auch eher in schlechter Erinnerung behalten und die schönen Erinnerungen, die es bestimmt ebenfalls gab, werden von den schlechten verdrängt werden. Kann ein Erinnerungsforscher bestimmt erklären.
 
Kurz zusammengefasst: Je größer die Sch... war, desto heldenhafter das Erlebnis. Wie immer. An die 08/15 Ereignisse verschwenden wir seltenst eine Erinnerung.
 
2014 Oslo - Berlin mit meinem Orca ohne E-Unterstützung:
Nach den ersten 10 km: Ich glaube, ich steige besser aus. Das wird wieder mal nix. Aber jetzt schon aufgeben? Nee! 1x mal in einem Transporter 40 km, 2 x mit der Bahn 40 + 80 km abgekürzt. Eine schlaflose Nacht in Ganlœse. Dank den dänischen Flintstones viele Plattfüße.
Aber: Ich strunze lieber über meine kurze Tour von Bielefeld nach Gerleve bei Coesfeld mit kleinem Umweg über Oslo, Berlin und Cuxhaven, prahle über meine Navigationskünste, die auch den echten Cracks in der Gruppe mal weiterhalfen, denke gerne an die Zeiten mit jedem Mitglied der Gruppe zurück, mein Dusel in Schweden, als ich an einem Sonntagmittag um halb 2 in einem Dorf ohne Bahnhof die Mitfahrgelegenheit in einem Transporter durch ein Gewitter hindurch bekam, etc. pp.
 
- Als Teenies wollten wir uns familiär etwas beweisen und sind zu 4. in den Herbstferien ohne Decke und Verpflegung für ein Wochenende in die wilde schwäbische Alb aufgebrochen.
Obst gab es ja genug und alles andere lief unter „Abhärtung“.
Wir Geschwister lagen nachts in einem kleinen selbstgebauten Unterstand und versuchten damals bei Temperaturen im einstelligen Bereich, auf dem abschüssigen Untergrund bibbernd zu ruhen. Viel geschlafen haben wir alle nicht. Man hörte ständig unbekannte gruselige Geräusche und die abgesägten Stümpfe drückten in den Rücken.
Am nächsten Tag wurde dann weiter gelaufen bis die Füße schmerzten. Unser Mittagessen am Lagerfeuer bestand aus Bratäpfel und Birnen mit Buchecker.
Ich muss gestehen, dass ich damals nur 1,5 Tage durchgehalten habe und dann gerne wieder umgekehrt bin.
Eine meiner Schwestern hat das aber ganze 3 Tage durchgezogen.

- eine andere Anekdote war -
wir fuhren in den Sommerferien mit dem Fahrrad an den Bodensee. Im Alter von 10 Jahren war uns das Radfahren bald langweilig geworden und so kamen wir auf die Idee gegenseitig zu lenken. Jeder nahm also während der Fahrt den Lenker des anderen und Zack lagen wir auf dem Boden.
Klar, wir hatten anschließend Schürfwunden usw. aber es war einer der wenigen Erinnerungen die ich noch an diese Tour habe.

- ich fuhr für einen Overnighter mit dem Rad und suchte mir einen netten Platz im Wald auf einer Obstwiese. Dort schlug ich mein Zelt auf und schlief bald ein. Um Mitternacht wurde ich von lautem Grunzen geweckt. Eine Rotte Wildschweine die in der Obstplantage ihr nächtliches Festgelage abhielt hatten mich umzingelt. Wie versteinert lag ich da und überlegte wie ich mich wehren könnte. Irgendwann sind sie dann zum Glück weitergezogen.


Heute erinnere ich mich gerne an diese Abenteuer damals war es aber schon manchmal anstrengend oder einfach nur doof.
 
Der Threadtitel macht Laune, voll in die Küchenphilosphie-Schule zu greifen. Und natürlich juckte es, die eigene Glorifizierung zu beschreiben.

Denke ich an manche "Abenteuer", wundere ich mich, was ich da anstellte, was da trotzdem funktionierte und dass da nichts schief gegangen ist. Also weniger Glorifizierung als eine nüchterne Einordnung, dass manche ausgelebte Laune das Leben sehr mit Erlebnissen bereichern kann.

Na und eine dann doch;) Mit 15 besuchte ich einen Onkel mit dem Rennrad keine 30 km entfernt in der wunderbaren Endmoränen-Landschaft um den Bodensee. Zurück hat es wild geschneit und auf der Straße gab es nur die Reifenfurchen, in denen ich mich die vielen Höhenmeter zurück kämpfte. Damals leuchteten mir die hinterher schleichenden Autos den Weg aus. Keiner hupte.

Muss doch eine Glorifizierung sein, weil das kann es ja nicht gegeben haben?
 
- Als Teenies wollten wir uns familiär etwas beweisen und sind zu 4. in den Herbstferien ohne Decke und Verpflegung für ein Wochenende in die wilde schwäbische Alb aufgebrochen.
Obst gab es ja genug und alles andere lief unter „Abhärtung“.
Wir Geschwister lagen nachts in einem kleinen selbstgebauten Unterstand und versuchten damals bei Temperaturen im einstelligen Bereich, auf dem abschüssigen Untergrund bibbernd zu ruhen. Viel geschlafen haben wir alle nicht. Man hörte ständig unbekannte gruselige Geräusche und die abgesägten Stümpfe drückten in den Rücken.
Am nächsten Tag wurde dann weiter gelaufen bis die Füße schmerzten. Unser Mittagessen am Lagerfeuer bestand aus Bratäpfel und Birnen mit Buchecker.
Ich muss gestehen, dass ich damals nur 1,5 Tage durchgehalten habe und dann gerne wieder umgekehrt bin.
Eine meiner Schwestern hat das aber ganze 3 Tage durchgezogen.

- eine andere Anekdote war -
wir fuhren in den Sommerferien mit dem Fahrrad an den Bodensee. Im Alter von 10 Jahren war uns das Radfahren bald langweilig geworden und so kamen wir auf die Idee gegenseitig zu lenken. Jeder nahm also während der Fahrt den Lenker des anderen und Zack lagen wir auf dem Boden.
Klar, wir hatten anschließend Schürfwunden usw. aber es war einer der wenigen Erinnerungen die ich noch an diese Tour habe.

- ich fuhr für einen Overnighter mit dem Rad und suchte mir einen netten Platz im Wald auf einer Obstwiese. Dort schlug ich mein Zelt auf und schlief bald ein. Um Mitternacht wurde ich von lautem Grunzen geweckt. Eine Rotte Wildschweine die in der Obstplantage ihr nächtliches Festgelage abhielt hatten mich umzingelt. Wie versteinert lag ich da und überlegte wie ich mich wehren könnte. Irgendwann sind sie dann zum Glück weitergezogen.


Heute erinnere ich mich gerne an diese Abenteuer damals war es aber schon manchmal anstrengend oder einfach nur doof.
Manchmal fühlt man im Augenblick noch nicht, was die Situation hergibt. Das braucht oft Abstand. Auf jeden Fall hast du dabei Besonderes erlebt, etwas, was man nicht kaufen kann!

An einen Moment des Glückes, in dem mir das bewusst war, kann ich mich erinnern:
Ich sitze in Spanien in der Abenddämmerung vor meinem Zelt. Ich bin satt, auch der größte Durst ist gestillt. (Wassermangel trägt übrigens nicht zu meinem Glück bei.) Kurz davor hat mich ein Busfahrer fast tot gefahren, wahrscheinlich hat er mich gar nicht wahr genommen. Ich habe Portugal hinter mir, vor mir liegt das wilde, mir unbekannte Spanien. Ich war bereit, in das Abenteuer ein zu tauchen. Das war eine wunderschöne Zeit!

lg!
georg
 
Und natürlich juckte es, die eigene Glorifizierung zu beschreiben.
Oft verpönt, manchmal zum fremdschämen. Aber hier darf man! Hier soll man!!

Erinnerte mich gestern auch noch an eine Anekdote:
Hatte mein Lastenrad-Pedelec ganz neu, Februar vor einigen Jahren. In Essen war eine Fahrradmesse, die Strecke mir halbwegs bekannt. Also MUSSTE ich mit der neuen Erwerbung da hin. Nur hielt der Akku nur knapp bis zur Messe, denn Lastenräder mögen kilometerlange Steigungen nicht so, Akkus die Kälte auch nicht.
Nach langem Suchen auf der Fahrradmesse jemanden gefunden, der mir den Akku nachlädt (find ich extrem peinlich), für die Rückfahrt dann mit halbvollem Akku gestartet. Und mitten auf dem Panoramaradweg Kettwig-Velbert ist er leer, einer vieeeeele (14?) Kilometer langen Steigung. Ich war fertig mit der Welt, ein Nerv fing an eingeklemmt zu sein, ein Bein wurde taub.
Irgendwann ging es nicht mehr, ich habe aufgegeben. Zücke das Handy um irgendjemanden anzurufen. Leer. Aus.
Tränchen verdrückt, igendwie weitergefahren.

Hat dann auch geklappt und mir eindrücklich gezeigt, dass Lastenrad-Pedelecs was für den Nahverkehr sind und nicht für die Strecke...
 
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