Wer engagiert sich wie für die Verbesserung der Verkehrssituation

Ich bin in der Radlobby ein wenig aktiv. Halt eher der siebte Zwerg, aber aktiv, wenn ich grad keine Baustelle habe.

Eigeninitiative bringt schon immer wieder was. So bin ich einmal mit dem Radverkehrsbeauftragten ein paar interessante oder kritische Stellen in meiner Umgebung ab geradelt. Manches war nicht änderbar, manches brauchte Zeit (die kann fallweise schon Richtung unendlich gehen, aber Geduld gehört dazu!), manches wurde verbessert.

In Graz haben die Radverkehrsbeauftragten ziemlich engen Kontakt mit der Radlobby. Sie zapfen so praktisches Wissen an, und wir können eigene Ideen einbringen. (Was daraus wird, ist dann oft eine andere Sache. Bei Verkehrslösungen reden viele mit, manche sachlich fundiert. Hier in Frankreich ärgere ich mich immer wieder über einen aufgelassenen Fußgängerübergang daheim. Der "musste wegen fehlender Sicherheit aufgelassen werden, weil die Autofahrer zu schnell fahren." In Frankreich gibt es dann Fahrbahnverschwenkungen oder Temposchwellen und mehr, und allfällige Raser kriegen sich ein, oder sie klauben die Einzelteile ihres Fahrgestells auf. Geht ganz einfach, aber nicht in Österreich.)

Mein Fazit: Aktivität trägt zu positiven Entwicklungen bei, zu viel sollte dabei nicht erwartet werden. Sehr viel hängt von den handelnden Personen an. Manche sind für sachliche Argumente offen, manche nicht. Und: erwarte nie sofortige Lösungen oder die 100%ige Umsetzung deiner Vorschläge! Dann kannst du mit deiner Aktivität zufrieden werden!

Lg!
georg
 
Literatur
Eine gute Grundlage für Hintergrundwissen und Handlungsanregungen bieten übrigens die beiden aktuellen Bücher von Katja Diehl: Raus aus der Autokratie und Auto Korrektur. Dabei kommen auch viele Macher verschiedener Regionen zur Sprache.
Liefert gute Argumente und motiviert zum Nachdenken oder selbst aktiv werden.

Man muss allerdings großzügig über gegenderte Ausdrucksformen hinweglesen können. Und auch mal damit klar kommen, dass der Auto-Wahn vorzugsweise der männlichen Fraktion zugeordnet wird. Abgesehen von diesen ideologischen Einfärbungen vielleicht derzeit das Beste zum Thema Mobilität und lebenswerte Welt.
 
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Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass je nach Ortsgruppe der ADFC eine gute Struktur sein kann, um etwas voran zu bringen. Beispiel Dresden: Wir haben hier seit vielen Jahren engagierte Leute, die es neuen Leuten nicht zu schwer machen, sich selbst zu engagieren. So bin ich hier aktiv in der AG Verkehr und darf außerdem den ADFC viermal im Jahr in der Verkehrskommission des Straßen- und Tiefbauamts der Stadt vertreten. Dieses Gremium bespricht konkrete Stellen in der Stadt, wir dürfen Vorschläge einbringen, die zu einem großen Teil zumindest behandelt, häufig auch in irgendeiner Art und Weise umgesetzt wurden. In den Sitzungen sind Vertreter des Amts mit Unterstützung derjenigen, die gerade am jeweiligen Thema dran sind, dann Polizei, Verkehrsbetriebe, Vertreter der Stadtratsfraktionen (mit denen wir zum Teil im Austausch stehen) und schließlich Interessenvertreter, wobei wir als ADFC da schon zu den ausdauernden zählen.
Die Gespräche sind nicht immer leicht, aber wir haben dort wirklich messbare Erfolge erzielt. Das Ganze funktioniert natürlich nicht ohne andere Mitglieder in der AG Verkehr, die zu den jeweils vorab bekanntgegebenen Themen noch Input liefern, oft genug mit einem unglaublichen Detailwissen plus Historie.
Und so gewinnen wir zwar lange nicht bei jedem Thema mit unseren Ideen, aber man sieht doch trotz aller Widerstände, dass die Arbeit des ADFC die Stadt lebenswerter macht.
Dass man in Dresden kostenlos ein Lastenrad leihen kann und damit für kleine Transporte kein Auto braucht, ist auch das Ergebnis einer Arbeitsgruppe des ADFC, in der meine Frau aktiv ist. Die Räder gehören beinahe schon zum Stadtbild, woran man schön sehen kann, dass sich das Engagement lohnt.
Auf Landesebene, wo meine Frau ebenfalls aktiv ist, sind die Erfolge meines Erachtens nicht ganz so unmittelbar, aber doch auch sichtbar. Dort hängt es, finde ich, noch mehr an der Zeit, die man investieren kann, als in der Stadt.

Gruß,
Martin
 
Man muss allerdings großzügig über gegenderte Ausdrucksformen hinweglesen können.
naja, beim gendern ist vielleicht noch nicht die optimale Lösung gefunden. Ist aber ein Versuch, auch weniger privilegierte sprachlich zu integrieren. Was ja an sich super ist.

Vielleicht sind die aktuellen Schreibweisen noch eher im Bastler-Stadium. Vielleicht wird später mal ein Milan draus. Aber vielleicht bleibt es selbst dann ein Nischenthema. Wie Velomobile ;-)
 
ADFC eine gute Struktur sein kann, um etwas voran zu bringen
Danke, Martin, für den ersten Beitrag zur Mitarbeit beim ADFC. Du und Deine Frau sehen einen reellen Gegenwert in der Zeit und dem Engagement, welche ihr einbringt. Und die Stadt, welche flach ist und an den Elberadweg anschließt, wird Stück für Stück lebenswerter. Muss ein tolles Gefühl sein, an solchen verbesserten Stellen vorbeizukommen und die Schritte dahin zu erinnern.
 
Und die Stadt, welche flach ist
Moment, das gilt fürs Zentrum. Ansonsten hat Dresden schon auch allerhand dritte Dimension zu bieten. Die Uni im Süden liegt an der Bergstraße, die Chipindustrie ist nach Norden hin auch nur stetig bergauf zu erreichen und die ganzen Ortschaften, die zu Dresden gehören, aber eher dörflichen Charakter haben, liegen auch fast alle irgendwie auf dem Berg. Während letztere oft auch ein wenig zu kurz kommen in unserer Arbeit (es braucht halt die Leute vor Ort), sind die anderen beiden durchaus relevant.

Gruß,
Martin
 
Am bürokratischen, als Vorsitzender des ADFC Ostthüringen, bin ich ein wenig verzweifelt
Die Fliege in der Suppe.
Daher eher was praktisches
Nur ein kleiner Beitrag, aber immerhin.
Wenn Du mit der
Entwicklung und Fertigung von Liegerädern, Velomobilen und jetzt auch größeren Cargo-Bikes
als Macher mehr Spaß und Erfolgserlebnisse hast und andere mit Deiner Arbeit zufrieden sind ist das ein großer Beitrag.
 
Da ich mich als Rad-Lobbyist nicht eigne (zu große Klappe, zu kurze Zündschnur) versuch ich grad mich lokal in der Stadtteilschule einzubringen.
Es braucht schliesslich Nachwuchs, der die zu verbessernde Radinfrastruktur und Rad-/Fußgänger-Verkehrspolitik dann auch nutzt.
 
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Da ich mich als Rad-Lobbyist nicht eigne (zu große Klappe, zu kurze Zündschnur) versuch ich grad mich lokal in der Stadtteilschule einzubringen.
Es braucht schliesslich Nachwuchs, der die zu verbessernde Radinfrastruktur und Rad-/Fußgänger-Verkehrspolitik dann auch nutzt.
magst du erklären, was du da machst?
 
magst du erklären, was du da machst?
Das ist leider noch nicht so ganz klar. Die Idee vom Sonntag war, dort in der Fahrradwerkstatt auszuhelfen, aber die scheinen etwas mehr zu wollen und suchen seit Februar Schulbegleiter für Kids mit Lernschwächen etc... (vielleicht ist es wieder an der Zeit für einen Branchenwechsel?)
Die radaffine Klassenlehrerin, mit der ich am Montag ein kurzes Vorstellungsgespräch hatte, lud mich für gestern zum Unterricht ein, aber fiel dann leider kurzfristig aus. Ihr bereits informierter Kollege hat mich dann unter seine Fittiche genommen und für zwei Stunden in der 7. Klasse teilnehmen lassen. Was sich daraus entwickelt muss sich zeigen. 10min Fußweg sind auch nicht zu verachten...
 
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"Wer in Frankfurt am Main sein Auto verkauft, erhält ein Jahresabo für Bus und Bahn. Auch andere Städte wollen mit solchen oder ähnlichen Anreizen die Verkehrswende vorantreiben." NTV, 15.02.2025, 11:16 Uhr

Der politische Wille ist vielerorts am Wachsen und der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Oft wird - wie in Paris vorgemacht - nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche vorgegangen, indem parallel zu Anreizen autofrei zu Leben beispielsweise Parkplätze zurückgefahren und Parkgebühren erhöht werden. Hier in Hamburg ist der Jungfernstieg, die erste Straße Deutschlands, die komplett asphaltiert wurde, von einer vierspurigen Luxusauto-Posermeile in ein Flanierparadies verwandelt worden.

Meine neue Freundin hatte bis vor Kurzem keine Vorstellung davon, dass ein Fortkommen im urbanen Umfeld auch ohne Auto funktioniert und auch sinnvoll ist;) Inzwischen hat sie mich in ihrem Hass auf Autos sogar noch rechts überholt, schimpft unterwegs auf die Luft- und Lärm-Verpester und Platzverschwender wie ein Rohrspatz und möchte ihr Oldie-Cabrio ersatzlos verkaufen. Schade eigentlich :rolleyes:

Ein paar Beispiele für gelebtes Engagement für die Verkehrswende wären noch schön, bevor der Thread nach unten sickert. Wenn nur ein Interessierter für eine Mitarbeit gewonnen wird, hat sich Euer Beitrag gelohnt.
 
Ich bin seit gut 7 Jahren aktiv in unserer Bürgerinitiative Radentscheid Frankfurt. Unsere Ideen und Vorschläge wurden nach einigem hin und her weitgehend von 'der Stadt' übernommen und umgesetzt. Zudem bringt sie jetzt auch eigene Vorschläge ein und setzt sie um.
Frankfurt ist im aktullen ADFC Fahrradtest zur Nummer 1 der Großstädte über 500.000 Einwohner geworden, unter stetigem Aufstieg der letzten Jahre. Ich halte die Aktivitäten unseres Radentscheid für ausschlaggebend bei dieser Entwicklung. Die Gesamtnote von 3,5 zeigt allerdings deutlich, wie unzureichend die Gesamtlage trotzdem noch ist. Wir machen also weiter, es muss einfach noch besser werden...
Für mich definitiv eine Erfahrung, die zeigt, dass ein Einzelner nicht machtlos ist und ein Voranbringen von Infrastruktur auch jenseits von Parteien und/oder Verbänden möglich ist!
 
Komisch, Ich dachte fast jeder hier im Forum wäre in irgendeiner Weise für die Verkehrswende engagiert. Habe ich mich getäuscht. Ich bin auch seither im ADFC und versuche soviel wie möglich mit dem Fahrrad abzuwickeln. Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Liebäugele auch mit dem Eintritt in den VCD, da der Verein mir politisch zusagt.
 
Wow, @heppo, das ist ja mal eine erfreuliche Story über deine Tätigkeit in der BI Radentscheid Frankfurt. Danke für's Mut machen und weiterhin viel Erfolg und Spaß beim Voranbringen der überfälligen Verbesserungen in Richtung mehr Lebensqualität im urbanen Raum.
Ich dachte fast jeder hier im Forum wäre in irgendeiner Weise für die Verkehrswende engagiert.
Naja, als Vorturner sind wir ja alle unterwegs. Mal belächelt, mal für leichtsinnig erklärt, aber meistens lösen wir doch Freude und Staunen aus, was möglich ist. Und dass Verkehr mehr sein kann, als im Blechkasten isoliert und stumpf von A nach B zu kommen. Nämlich Sport, Spaß und Lebensfreude.
 
Ich dachte fast jeder hier im Forum wäre in irgendeiner Weise für die Verkehrswende engagiert.
Ich habe auch mit mehr Resonanz gerechnet. Vielleicht kommt das auch daher, dass viele VM-Nutzer sich von der Fahrrad-Infrastruktur komplett verabschiedet haben und ausschließlich Straßen nutzen...
Andererseits haben nach meinem subjektiven Empfinden die meisten parallel noch einen Einspurer am Start.
Vielleicht findet sich noch jemand, der seine Erfahrung preisgibt?
 
Naja, diejenigen, die sich engagieren, tun dies meist ohne groß drüber zu sprechen. ich glaube es gibt hier viele Mitglieder verschiedenster Vereinigungen, aber das dortige Engagement sieht halt auch immer ähnlich aus: Aufmerksamkeit für die Problematiken generieren und gegen Windmühlen kämpfen.

Aus Verwaltungssicht kann ich sagen, dass viele Ideen leider am Geld scheitern, oder nicht bei den Planenden ankommen...oder direkt Regelwidrig sind.
 
Weil es hier am besten reinpasst: Drei Aktionen (kreativ und subversiv) mit dem Thema Verkehr:

Ein Künstler zieht auf einem Anhänger 60 Handys durch die Gegend, um bei Google Maps künstlich einen Stau zu erzeugen:




Hier hat jemand ein Vogelhäusschen gebaut (sorry, die blöde Werbung ist unbeabsichtigt reingerutscht):

Screenshot 2025-08-01 at 17-54-35 Struckum Wie sich ein Rentner gegen Raser zur Wehr setzt.png

Hier haben zwei Berliner Künstler eine tragbare Draisine gebaut:
20250801_171251.jpg
 
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