Kapitel 41
"Alter Vergesso.“
lachte die Stimme meines besten Freundes durch Telefonhörer und knusperndes Müsli in mein Ohr.
Stimmte schon … könnt ich mich an alles erinnern, was ich im letzten Jahr so alles vergessen hatte, wären die Erinnerungen wohl zu zahlreich, um sie mir merken zu können …
Der Grund seines Anrufs war eigentlich eine neue Episode der Telenovela seiner WG gewesen, aber wie das so ist, wenn jemand hier mitliest, der hinter die Kulissen lunzen kann, wies er mich auf ein Ereignis hin, welches „ja wohl bitte VOR der Kramsschrank-in-den-Keller“-Aktion stattgefunden hatte – und erst recht vorm Faserriss.
Ertappt … ein Riss in der Timeline: „D’oh!“
„War das eine Aktion … wolltest du da echt ein Rennen fahren? Mit kaputter Zahnradpyramide?“
Er begann erheitert zu lachen.
„Und dann der Typ mit dem Einkaufswagen …“
Das Lachen riss nicht ab.
Und da so was ja ansteckend ist, stimmte ich ein. Ungeachtet des Restmüslis in den Zahnlücken, das die Chance nutzte, wieder in Freiheit zu gelangen.
Und recht hatte er. Also … damit, dass ich das vergessen hatte zu berichten. Der Rest war Stille Post auf seiner Festplatte, denn mit Lord Defect ein Rennen fahren zu wollen, ist in etwa so, als wolle „Garage54“ mit ’nem Shiguli in die Formel 1.
Und es ereignete sich in der Zeit zwischen Lord Defects repariertem Fuß und einer Diskussion vor einem Kramsschrank.
…
Dem Tag der ominösen „Zahnradpyramide“ war ein Stöbern durchs Forum vorausgegangen, in dem von einem Rennen die Rede war. Klar, man kann es auch Fernfahrt, Zeitfahrt, Ausflug oder Wochenendtrip mit Zieleinlauf nennen – in jedem Falle von Hamburg nach Berlin …
So kam ich auf den Einfall, nicht EIN, sondern ZUM Rennen zu fahren, genauer: zum Zieleinlauf, der ja dem Namen nach in Berlin stattfinden würde.
Außerdem gäbe es hier – konzeptbedingt – bestimmt viele andere lustige Fahrräder, laut Forumsbeiträgen zu Bratwurst und Getränken, und Lord Defect sei willkommen. Klang wunderbar. Nix wie hin.
So rief ich gleich darauf Denis an, der sich sogleich bereit erklärte, und erfahrungskonform schon bei Bier und Bratwurst an Iss.
Ich würde mich schon an der bloßen Ansicht zahlreicher Velomobile erfreuen – und an den Gesichtern hinter den Hauben …
Und etwas technische Recherche ist doch auch immer gut, wenn man mittelfristig das ein oder andere lustige Fahrrad selbst plant.
Und wer weiß, welche Informationen beim Kennenlernen anekdotisch auftauchen würden.
So was wie: „Es gibt da einen Laden in Großkleinöd. Der verkauft Koboldfett … schmierte das auf den Lenker, und du hast allzeit klare Sicht … nein, frag nicht, wie das funktioniert.“ Oder Ähnliches aus Basteltippkiste und Folklore, so malte ich mir aus.
In jedem Falle stand vor all dem das Einspeichen des Hinterrads:
Hier hatten sich inzwischen zwei Speichen im Laufe des vergangenen Jahres verabschiedet, doch ich hatte mich bisher dazu entschlossen – da das Hinterrad nicht eierte oder sonst wie unrund lief –, es erst mal gekonnt zu ignorieren,bis eine dritte Speiche das Ende ihrer Fahnenstange erreicht haben würde...
Dann kam das Vorderradfiasko, das mir vor Augen führte, wie schnell bzw. aufwendig so eine Speiche bricht bzw. getauscht werden will, womöglich mit ganzer Felge daran. Und von der Optik mit freien Felgenlöchern ganz zu schweigen – da waren sich Stinktiere und Affen mal harmonisch einig geworden.
Und somit wollte ich wohl VOR der Hamburg-Berlin-Fahrt unbedingt wieder alle Speichen korrekt und im richtigen Durchmesser angebracht wissen.
Nach dem Bequemen der Schieblehre war ich dann auch auf schnappszahlige 222 mm und 2,5 mm im Pi – also G12 – Speichen gekommen.
Was heißt: das Gerümpel im noch existenten Kramsschrank zu durchforsten und mich beim Finden zu freuen, sie nicht weggeworfen zu haben, ergo noch mal abmessen zu können … und beim Eintragen auf die To-do-Liste exakt diese Daten schon etwas verblichen vorzufinden …
Ach ja, die hatte ich vor tausend Jahren schon mal notiert. Sachen gibt’s.
Die Speichen waren dann auch wenigstens unkompliziert bestellt und geliefert worden, so konnte ich am Tag vor dem geplanten Besuch des Zieleinlaufs an das Tetris des Heckradausbaus wagen:
Nur drei Schrauben auf der unteren Blattfeder, dann drei Schrauben auf der anderen unteren Blattfeder, und schon hat der Radausbau … begonnen.
Fortgesetzt mit zwei Schrauben für das Verbindungsstück zwischen der oberen und unteren Blattfeder – am besten auch auf beiden Seiten – und schließlich ließ sich das Rad auch schon problemlo … nein? …
Die Kraft von Geometrie und C-Star-Bremssattel blockierten hier entscheidende Kubikzentimeter Manövrierraums, aber den noch schnell ausgeschraubt – zwei Schrauben – und schon … huch …
Ähm … nur noch eben zusätzliche zwei Muttern an der Nabenachse selbst gelöst, und wie im Fluge ist das Rad auch schon …
Ääch … nur noch schnell ein Steckerkabel des Motors trennen, nebst zwei Kabelbindern, und schon funktioniert der Ausbau …
Kinderspiel (… hüstel …)

Ist die Schaltkassette (aka Zahnradpyramide) gelöst, ist man auch endlich in der Lage, eine Speiche richtig zu tauschen (bzw. die Bremsscheibe – 6 Schrauben –, wenn die Speiche auf dieser Nabenseite läge).
Und nicht zu vergessen: den Reifen abzumontieren, wollte man auch neue Speichennippel setzen … oder Neues aus Gummi.
Nachgezählt komme ich da mindestens auf 15 Gewinde in bedachter Reihenfolge, die das bloße „Speiche wechseln“ zu einer Geduldsprobe mit Inbusschlüssel mutieren lassen. Und Abkürzungen (wie auch Flüchtigkeiten) stoisch in ihrer Geometrie verwehrt.
Aber so konnte ich mit ausgebauter Kassette endlich mal einen Blick auf die Motorflanke werfen:

MODDS … und eine Seriennummer.
Vielleicht ein umgelabelter Bafang – immerhin konnte ich herausfinden, dass Dan the Man irgendwie mit diesem Modds zu tun hat.
Dann verlor der innere Columbo die Lust, dem weiter nachzugehen für den Moment …
Die 15 Schrauben wieder festgezogen (dabei die Federn mit Spanngurten zurechtzuziehen ersetzte die einstigen geliehenen Schraubzwingen ganz brauchbar, wenn auch nicht perfekt), ging es nun daran, die Schaltung wieder zu justieren, falls durch diese Aus- und Einbauaktion irgendetwas durcheinander geraten wäre.
War es glücklicherweise nicht – übermäßig –, wie mir beim bewährten Rowan-Atkinson-Driving-Skills-Besenstiel (-an-Pedal-&-Kabelbinder-drehen)-Spiel auffiel.
Gleichzeitig ging mir die Idee durch den Kopf, die Heckkamera mit einer Achse zu versehen, über die man sie etwas nach unten schwenken könnte, um so etwas wie einen „Wartungsmodus“ zu ermöglichen: Drinnen sitzen, schalten, treten und auf dem Bildschirm beobachten, was das Schaltwerk so triebe … Klang erst mal gar nicht schlecht, bevor die Vorstellung dann über den (sehr wahrscheinlichen) Fall stolperte, etwas nachjustieren zu müssen.
Denn dann würde es herausklettern, Schräubchen drehen, hereinklettern, Pedale treten, Fernsehen gucken und bei Bedarf noch mal von vorn bedeuten … Unterm Strich mehr körperlicher Aufwand, bei komplizierter Kamerafixierung … also nicht unbedingt weiter verfolgenswert, solange der R.A.D.S.-Besenstiel die bessere (weil praktischere) Lösung darstellte.
So lag das Rad schließlich nach Zeit und Schwitze wieder an seinem Ort, die Stecker waren schon wieder Durchgangsstraße für Elektronen und Signale, und die Kette fand ihren Stammplatz auf dem Kranz. Vor einem voll bespeichten Rad.
Wunderbarski...
So kam schnell der besagte Tag des Zieleinlaufs, an dem Denis mit seiner alten Eierquetsche vorbeikam und Lord Defect vorausfuhr, wie jene Laternenträger aus den Anfangszeiten des Automobils. Damit gab er auch die Strecke zum Wassersportverein in Gatow vor.
Dass er die wohl kürzeste Route nehmen würde, davon konnte ich dank winkender Bratwurst ausgehen, und auch davon, dass er die 120 cm nötige Breite für den Briten hinter ihm zeitweilig vergaß, wie mir an Poller-Bremsen mehrmals klar wurde, an denen ich meinem besten Freund hinterher hupen musste … vorm Rausspringen und Rangieren.
Sein erstes mich verwunderndes Ziel war allerdings das sowjetische Ehrenmal, an dem er zunächst mal ein paar Fotos machen wollte.
„Du vergisst das doch immer, und wolltest du nicht mal in irgend so einen Kalender oder so was?“
„Ja, aber nein, aber ja … wollten wir nicht nach Gatow? Da gibt’s doch bestimmt auch Bilder“, kam es hinter Fritzi aus dem Cockpit hervor.
„Aber jetzt sind wir doch schon mal da, da können wir das doch gleich mal abhaken.“
So drehte ich ein paar Runden mit vergessenem Blinker, die er mit wackeliger Hand und Handy festhielt …



Den Treptower Park durchquert, über die Dauerbaustelle Elsenbrücke nach Friedrichshain gegondelt, merkte ich plötzlich vor der Mediaspree, dass sich die Pedale nur mit unkonventionell viel Kraftaufwand bedienen ließen bzw. sich ein Stakkato aus leichtgängig und blockierend im Pedalweg breit machte, wie ein schlechtes ABS, aber leider immer noch gut genug in der Verzögerung.
Auch der Motor stotterte sich auf Schritttempo ein.
Hatte das Spitfirelager nun endgültigst den Fährmann über den Mechanikjordan bezahlt?
Schöne Scheiße. Und jetzt stehe ich hier auch noch voll im Fahrradweg, bergauf, sodass der Schubhebel bei der Betätigung dem Motor nur heiteres Gelächter abrang, denn Schub.
Denis, huup!
Denis kehrte mal wieder zum gestrandeten Blaunasenwal um, aus dem ich mich gerade geschält hatte und ihn aus dem Weg rollte.
Dabei blockierte nichts, doch ein Detail verwies die Affen meines Planungsbüros, sich nach Pedalen und Rendezvous-Achse die „Zahnradpyramide“ am Heck genauer anzusehen, denn dort klapperte es bei jeder Radumdrehung ungewohnt vor sich hin. Erst mal nichts Offensichtliches, doch beim Befühlen – öliger Finger danach, wie gewohnt – verrutschten die letzten einzelnen Zahnräder leicht klirrend und etwas in Achsrichtung.
Und die Erinnerungskommode haute zu wie Popeye auf Spinat:
Jener kleine Ring, der ans Ende der Kassette diese fest auf der Nabe halten sollte, war doch von mir festgeschraubt worden – nach dem Speichentausch?
Und vor meinem inneren Auge erinnerte ich mich an eine kleine Angabe, sauber gestanzt in diesen Lockring: 40 Nm.
Pfff … also vier Kilo an einem Meter Hebel oder 16 Kilo auf dem 25-cm-Hebel einer Ratsche …
Hatte jenes „erst mal handfest, bis die Reifen wieder drauf sind …“ wohl nicht erreicht, und das Ergebnis dieser Schludrigkeit hielt natürlich nicht für die Distanz von 27 km zum Zieleinlauf, sondern nur die guten sechs bis hierhin.
Da hatte ich wirklich an falscher Stelle zu viel von einem Vergesso an den Tag gelegt …

„Na dann zieh es eben fest“, war Denis’ vermeintlich praktischer Vorschlag.
15 Schrauben – deren Inbusschlüssel in Lord Defects Castle ruhten. Und einen Spanngurt (der allein nicht viel ausrichten konnte) hatte ich auch nicht dabei.
„Na dann schieben wir ihn eben zurück … können ja noch ein paar Fotos machen …“, sah Denis es realistisch, nicht ohne ein beruhigendes „Im Treptower gibt’s ’nen guten Bratwurster“ an seinen Bauch nachzuschieben.
So schoben wir wortkarg unsere Fahrräder zurück. Von der architektonischen „Schönheit“ ringsherum bekam ich nicht viel mit, ärgerte ich mich im Inneren tierisch über diese Flüchtigkeit, die mir nun den Besuch vergeigt hatte.
Positiv hieran: Den Fehler würd ich nicht wiederholen, und nächstes Jahr würde wieder so ein Rennen stattfinden …
Im Park angekommen besorgte Denis sogleich zwei Bratwürste als „Trostpreis“, und wir schoben von Bank zu Bank, ließen uns in Ufernähe nieder und genossen Essen und die Aussicht. Immer mal wieder über die Passanten schmunzelnd, die an dem etwas entfernten Lord Defect und dem Hollandrad verharrten, guckten und rätselten.
Nach etwas Stärkung im Magen machte sich Denis ans Fotografieren:
ein paar Bilder hier, etwas Herumgelaufe, ein paar Bilder dort, und auf ging es schiebend zur nächsten Bank mit der nächsten brauchbaren Perspektive
– und die nächsten Planungen fürs kommende Jahr:
„Zur nächsten Velo will ich mit dem Azub“, kam es von irgendwo aus seinen Ganglien.
Freute mich – damit wäre mein missionarischer Auftrag beendet, immerhin legte er wohl schon fleißig Geld beiseite, bis es für die Reisevariante reichen sollte.
Und wieder mal musste ich ihm den Gedanken ausreden, dann einfach einen alten Wartburg in Einzelteilen daran zu zimmern. Das letzte Argument – das eigentlich das schwächste war – überzeugte ihn dann zu meiner Überraschung:
„Wie viele Räder hat so ein Wartburg gleich? Und ein Azub? Genau. Und wie soll das dann in den originalen hinteren Radkästen aussehen?“
Wir kamen schließlich – mal wieder – darauf, dass er erst einmal sein nackiges Azub fahren solle … ein oder zwei Jahre … Bis dahin hätte er entweder genug Zeit, sich mit der Dreirad-Vierrad-Transformation zu beschäftigen, oder das Ganze schlicht und einfach zu vergessen, im Fahrvergnügen und Alltag damit.
Auch wenn ich Letzteres nicht wirklich glaubte, hoffte ich zumindest auf Ersteres.
So verbrachten wir Stunden auf der Bank quatschend, tranken Cola und Bier, beobachteten die Leute, die den Briten betrachteten, und den QR-Code am Bug scannten.
Der wiederum brachte sie seit Neuestem direkt hier ins Nordlicht-Tagebuch, seit ich einen Sticker in Originalgröße auf den originalen QR-Code geklebt hatte … Ein „Geistesblitz“, der mir kam, als ich bereits zwei „Lord Defect“-Sticker im Einkaufswagen der Druckerei geladen hatte und mich der „persönliche QR-Code“ als Sonderangebots-Serviervorschlag anlächelte.
Würde mir bestimmt wieder längere Scherereien mit etwaigen Ordnungsamtlern bescheren, die bis dato per QR-Code an den Hersteller verwiesen wurden, was viele der Fragen beantwortete, aber ich hab auf so vielen Fotos von Velomobilen schon URLs zu Foren und Blogs gesehen, und das wollte ich auch irgendwie – mit Absegnung des inneren Ästhetikstudios – dezent hinbekommen.
Ob das Ordnungsamt mir von da an das Leben schwerer machen würde, verlangte wohl eine Antwort von Zukunfts-Frederik. An jenem Nachmittag jedenfalls ließ sich keine Patrouille blicken.
Stattdessen dämmerte es bereits, als ein Herr mit Einkaufswagen vorbeirollte. Im Wagen die obligatorische Mischung aus Tüten, Habseligkeiten, Pfandflaschen und einem klappernden Werkzeugkasten – unter noch mehr Gerödel.
Ich war in dem Moment zu gefangen in der Betrachtung von zackigem Heck und Zyklopenauge … die einfachen Dinge im Leben … als Denis neben mir lauthals mit dem Fahrer des Einkaufswagens ins Gespräch kam:
„Hallo! Hey, Trolley!“
Der Einkaufswagen stoppte, angesprochen.
„Hast du einen Imbus in deiner Werkzeugkiste?“
Da fiel dann auch bei mir der Groschen. Pfennigweise.
Der Herr an der Konsumlore blickte fragend zurück.
„Imbusschlüssel! … Rick, welche Größe?“
„Pfff … frag Fritzi … nein, 4,5 und 5 … glaub ich …“
„Hab ich“, murmelte der Herr mit Lore und – wie beim Näherkommen klar wurde – Fahne. Die der billigen Sorte.
„Können wir uns die mal ausleihen?“
Der Streber im Planungsbüro zwischen den Affen maulte wieder was, das ich nicht verstand in dem Moment, während Einkaufsfahne den Werkzeugkasten zutage förderte und eine Handvoll rostiger Schlüssel herausholte und uns hinhielt.
Denis wollte bereits danach greifen, als ein knappes
„20 Euro!“ kam.
Mein bester Freund und ich fingen nach einer Sekunde des gegenseitigen Betrachtens an zu lachen wie die Blöden.
„Nachgebot und Anfrage“, zuckte der Mann mit Wagen die Achseln.
„Kriegste ’n Bier und gut ist“, erwiderte mein bester Freund nur und griff bereits in seinen Mary-Poppins-Rucksack.
„Drei Bier.“
„Du kannst auch deinen rostigen Mist wieder mitnehmen und bekommst kein Bier“, schaltete Denis die Verhandlungen in den nächsten Gang, während mein innerer Streber beim Betrachten der Kassette am Heckrad endlich zu mir durchdrang.
Der Aufsatz der Ratsche für jenen 40-Nm-Lockring war ganz sicher nicht Imbus – ebenfalls vergessen, in den eigenen Werkzeugpark zurückzulegen. Und insofern das ganze Verkaufsgespräch hier … Perlen vor die Säue.
Aber amüsant anzuhören, während ich versuchte, Denis am Arm zu zuppeln.
„Nimms, oder lass es bleiben!“, hielt Denis ihm gerade eine braune Glasflasche hin.
„… zwei Bier!“
„Werd mal nicht unverschämt, die Imbusschlüssel sind nicht mal ’n Glas Apfelsaft wert!“
„Wir brauchen Ihr Werkzeug nicht, ist das Falsche“, mischte ich mich ein, um das hoffentlich zu beenden.
Der Lorenschieber zeterte dann noch einige Sätze lang, wie aufwändig die Bergung der Schlüssel nun gewesen wäre, und wir ihm ohnehin teure Zeit gestohlen hätten, die er jetzt bitte ersetzt sehen wollte – immerhin hätten wir IHN angesprochen.
Am Ende gab er sich letztlich mit 20 Cent hartnäckigkeitsprämie zufrieden, ehe er grummelig vor Lord Defect stehen blieb und umständlich begann, mit seinem Wagen Schwung zu holen, wohl um ihn gegen die Flanke zu kacheln.
Ethanolbedingte Körperkoordination, stockende Räder auf dem Parkboden und ein donnerndes „Das wird teurer als 20 Euro, also denk nicht mal dran!“ von Denis ließen die arme Seele dann auch motzen von ihrem Vorhaben ablassen und in der inzwischen eingetretenen Dunkelheit verschwinden.
Ditt is Balin. Da sollte jeder einen Denis haben …
Der weitere Weg zurück in den Plänterwald lief ereignislos und unbeschwert; ich erzählte etwas aus meinem Leben, er etwas aus seinem.
Zu dem Zeitpunkt hätten wir eigentlich schon in Gatow am Feiertisch sitzen und schlemmen sollen, wie auf der letzten Seite Asterix, umringt von Rennfahrern und Pedalboliden, seufz.
„Nächstes Jahr wirst du jedenfalls nicht mehr wegen dieser pyramidenspitzen Schraube dort nicht ankommen“, versuchte mein bester Freund mich beim Verstauen des Lords in seinem Castle aufzuheitern.
Tatsächlich brachte er mich damit zum Lachen, denn wenn nicht deswegen, dann hätte Murphy ja nur einen Blick auf meine To-do-Liste werfen müssen. Also sollte ich sie bis zur nächsten Hamburg-Berlin-Fahrt besser mal drastisch reduzieren …
Ja, das wäre doch mal ein Vorsatz.
"Alter Vergesso.“
lachte die Stimme meines besten Freundes durch Telefonhörer und knusperndes Müsli in mein Ohr.
Stimmte schon … könnt ich mich an alles erinnern, was ich im letzten Jahr so alles vergessen hatte, wären die Erinnerungen wohl zu zahlreich, um sie mir merken zu können …
Der Grund seines Anrufs war eigentlich eine neue Episode der Telenovela seiner WG gewesen, aber wie das so ist, wenn jemand hier mitliest, der hinter die Kulissen lunzen kann, wies er mich auf ein Ereignis hin, welches „ja wohl bitte VOR der Kramsschrank-in-den-Keller“-Aktion stattgefunden hatte – und erst recht vorm Faserriss.
Ertappt … ein Riss in der Timeline: „D’oh!“
„War das eine Aktion … wolltest du da echt ein Rennen fahren? Mit kaputter Zahnradpyramide?“
Er begann erheitert zu lachen.
„Und dann der Typ mit dem Einkaufswagen …“
Das Lachen riss nicht ab.
Und da so was ja ansteckend ist, stimmte ich ein. Ungeachtet des Restmüslis in den Zahnlücken, das die Chance nutzte, wieder in Freiheit zu gelangen.
Und recht hatte er. Also … damit, dass ich das vergessen hatte zu berichten. Der Rest war Stille Post auf seiner Festplatte, denn mit Lord Defect ein Rennen fahren zu wollen, ist in etwa so, als wolle „Garage54“ mit ’nem Shiguli in die Formel 1.
Und es ereignete sich in der Zeit zwischen Lord Defects repariertem Fuß und einer Diskussion vor einem Kramsschrank.
…
Dem Tag der ominösen „Zahnradpyramide“ war ein Stöbern durchs Forum vorausgegangen, in dem von einem Rennen die Rede war. Klar, man kann es auch Fernfahrt, Zeitfahrt, Ausflug oder Wochenendtrip mit Zieleinlauf nennen – in jedem Falle von Hamburg nach Berlin …
So kam ich auf den Einfall, nicht EIN, sondern ZUM Rennen zu fahren, genauer: zum Zieleinlauf, der ja dem Namen nach in Berlin stattfinden würde.
Außerdem gäbe es hier – konzeptbedingt – bestimmt viele andere lustige Fahrräder, laut Forumsbeiträgen zu Bratwurst und Getränken, und Lord Defect sei willkommen. Klang wunderbar. Nix wie hin.
So rief ich gleich darauf Denis an, der sich sogleich bereit erklärte, und erfahrungskonform schon bei Bier und Bratwurst an Iss.
Ich würde mich schon an der bloßen Ansicht zahlreicher Velomobile erfreuen – und an den Gesichtern hinter den Hauben …
Und etwas technische Recherche ist doch auch immer gut, wenn man mittelfristig das ein oder andere lustige Fahrrad selbst plant.
Und wer weiß, welche Informationen beim Kennenlernen anekdotisch auftauchen würden.
So was wie: „Es gibt da einen Laden in Großkleinöd. Der verkauft Koboldfett … schmierte das auf den Lenker, und du hast allzeit klare Sicht … nein, frag nicht, wie das funktioniert.“ Oder Ähnliches aus Basteltippkiste und Folklore, so malte ich mir aus.
In jedem Falle stand vor all dem das Einspeichen des Hinterrads:
Hier hatten sich inzwischen zwei Speichen im Laufe des vergangenen Jahres verabschiedet, doch ich hatte mich bisher dazu entschlossen – da das Hinterrad nicht eierte oder sonst wie unrund lief –, es erst mal gekonnt zu ignorieren,bis eine dritte Speiche das Ende ihrer Fahnenstange erreicht haben würde...
Dann kam das Vorderradfiasko, das mir vor Augen führte, wie schnell bzw. aufwendig so eine Speiche bricht bzw. getauscht werden will, womöglich mit ganzer Felge daran. Und von der Optik mit freien Felgenlöchern ganz zu schweigen – da waren sich Stinktiere und Affen mal harmonisch einig geworden.
Und somit wollte ich wohl VOR der Hamburg-Berlin-Fahrt unbedingt wieder alle Speichen korrekt und im richtigen Durchmesser angebracht wissen.
Nach dem Bequemen der Schieblehre war ich dann auch auf schnappszahlige 222 mm und 2,5 mm im Pi – also G12 – Speichen gekommen.
Was heißt: das Gerümpel im noch existenten Kramsschrank zu durchforsten und mich beim Finden zu freuen, sie nicht weggeworfen zu haben, ergo noch mal abmessen zu können … und beim Eintragen auf die To-do-Liste exakt diese Daten schon etwas verblichen vorzufinden …
Ach ja, die hatte ich vor tausend Jahren schon mal notiert. Sachen gibt’s.
Die Speichen waren dann auch wenigstens unkompliziert bestellt und geliefert worden, so konnte ich am Tag vor dem geplanten Besuch des Zieleinlaufs an das Tetris des Heckradausbaus wagen:
Nur drei Schrauben auf der unteren Blattfeder, dann drei Schrauben auf der anderen unteren Blattfeder, und schon hat der Radausbau … begonnen.
Fortgesetzt mit zwei Schrauben für das Verbindungsstück zwischen der oberen und unteren Blattfeder – am besten auch auf beiden Seiten – und schließlich ließ sich das Rad auch schon problemlo … nein? …
Die Kraft von Geometrie und C-Star-Bremssattel blockierten hier entscheidende Kubikzentimeter Manövrierraums, aber den noch schnell ausgeschraubt – zwei Schrauben – und schon … huch …
Ähm … nur noch eben zusätzliche zwei Muttern an der Nabenachse selbst gelöst, und wie im Fluge ist das Rad auch schon …
Ääch … nur noch schnell ein Steckerkabel des Motors trennen, nebst zwei Kabelbindern, und schon funktioniert der Ausbau …
Kinderspiel (… hüstel …)

Ist die Schaltkassette (aka Zahnradpyramide) gelöst, ist man auch endlich in der Lage, eine Speiche richtig zu tauschen (bzw. die Bremsscheibe – 6 Schrauben –, wenn die Speiche auf dieser Nabenseite läge).
Und nicht zu vergessen: den Reifen abzumontieren, wollte man auch neue Speichennippel setzen … oder Neues aus Gummi.
Nachgezählt komme ich da mindestens auf 15 Gewinde in bedachter Reihenfolge, die das bloße „Speiche wechseln“ zu einer Geduldsprobe mit Inbusschlüssel mutieren lassen. Und Abkürzungen (wie auch Flüchtigkeiten) stoisch in ihrer Geometrie verwehrt.
Aber so konnte ich mit ausgebauter Kassette endlich mal einen Blick auf die Motorflanke werfen:

MODDS … und eine Seriennummer.
Vielleicht ein umgelabelter Bafang – immerhin konnte ich herausfinden, dass Dan the Man irgendwie mit diesem Modds zu tun hat.
Dann verlor der innere Columbo die Lust, dem weiter nachzugehen für den Moment …
Die 15 Schrauben wieder festgezogen (dabei die Federn mit Spanngurten zurechtzuziehen ersetzte die einstigen geliehenen Schraubzwingen ganz brauchbar, wenn auch nicht perfekt), ging es nun daran, die Schaltung wieder zu justieren, falls durch diese Aus- und Einbauaktion irgendetwas durcheinander geraten wäre.
War es glücklicherweise nicht – übermäßig –, wie mir beim bewährten Rowan-Atkinson-Driving-Skills-Besenstiel (-an-Pedal-&-Kabelbinder-drehen)-Spiel auffiel.
Gleichzeitig ging mir die Idee durch den Kopf, die Heckkamera mit einer Achse zu versehen, über die man sie etwas nach unten schwenken könnte, um so etwas wie einen „Wartungsmodus“ zu ermöglichen: Drinnen sitzen, schalten, treten und auf dem Bildschirm beobachten, was das Schaltwerk so triebe … Klang erst mal gar nicht schlecht, bevor die Vorstellung dann über den (sehr wahrscheinlichen) Fall stolperte, etwas nachjustieren zu müssen.
Denn dann würde es herausklettern, Schräubchen drehen, hereinklettern, Pedale treten, Fernsehen gucken und bei Bedarf noch mal von vorn bedeuten … Unterm Strich mehr körperlicher Aufwand, bei komplizierter Kamerafixierung … also nicht unbedingt weiter verfolgenswert, solange der R.A.D.S.-Besenstiel die bessere (weil praktischere) Lösung darstellte.
So lag das Rad schließlich nach Zeit und Schwitze wieder an seinem Ort, die Stecker waren schon wieder Durchgangsstraße für Elektronen und Signale, und die Kette fand ihren Stammplatz auf dem Kranz. Vor einem voll bespeichten Rad.
Wunderbarski...
So kam schnell der besagte Tag des Zieleinlaufs, an dem Denis mit seiner alten Eierquetsche vorbeikam und Lord Defect vorausfuhr, wie jene Laternenträger aus den Anfangszeiten des Automobils. Damit gab er auch die Strecke zum Wassersportverein in Gatow vor.
Dass er die wohl kürzeste Route nehmen würde, davon konnte ich dank winkender Bratwurst ausgehen, und auch davon, dass er die 120 cm nötige Breite für den Briten hinter ihm zeitweilig vergaß, wie mir an Poller-Bremsen mehrmals klar wurde, an denen ich meinem besten Freund hinterher hupen musste … vorm Rausspringen und Rangieren.
Sein erstes mich verwunderndes Ziel war allerdings das sowjetische Ehrenmal, an dem er zunächst mal ein paar Fotos machen wollte.
„Du vergisst das doch immer, und wolltest du nicht mal in irgend so einen Kalender oder so was?“
„Ja, aber nein, aber ja … wollten wir nicht nach Gatow? Da gibt’s doch bestimmt auch Bilder“, kam es hinter Fritzi aus dem Cockpit hervor.
„Aber jetzt sind wir doch schon mal da, da können wir das doch gleich mal abhaken.“
So drehte ich ein paar Runden mit vergessenem Blinker, die er mit wackeliger Hand und Handy festhielt …



Den Treptower Park durchquert, über die Dauerbaustelle Elsenbrücke nach Friedrichshain gegondelt, merkte ich plötzlich vor der Mediaspree, dass sich die Pedale nur mit unkonventionell viel Kraftaufwand bedienen ließen bzw. sich ein Stakkato aus leichtgängig und blockierend im Pedalweg breit machte, wie ein schlechtes ABS, aber leider immer noch gut genug in der Verzögerung.
Auch der Motor stotterte sich auf Schritttempo ein.
Hatte das Spitfirelager nun endgültigst den Fährmann über den Mechanikjordan bezahlt?
Schöne Scheiße. Und jetzt stehe ich hier auch noch voll im Fahrradweg, bergauf, sodass der Schubhebel bei der Betätigung dem Motor nur heiteres Gelächter abrang, denn Schub.
Denis, huup!
Denis kehrte mal wieder zum gestrandeten Blaunasenwal um, aus dem ich mich gerade geschält hatte und ihn aus dem Weg rollte.
Dabei blockierte nichts, doch ein Detail verwies die Affen meines Planungsbüros, sich nach Pedalen und Rendezvous-Achse die „Zahnradpyramide“ am Heck genauer anzusehen, denn dort klapperte es bei jeder Radumdrehung ungewohnt vor sich hin. Erst mal nichts Offensichtliches, doch beim Befühlen – öliger Finger danach, wie gewohnt – verrutschten die letzten einzelnen Zahnräder leicht klirrend und etwas in Achsrichtung.
Und die Erinnerungskommode haute zu wie Popeye auf Spinat:
Jener kleine Ring, der ans Ende der Kassette diese fest auf der Nabe halten sollte, war doch von mir festgeschraubt worden – nach dem Speichentausch?
Und vor meinem inneren Auge erinnerte ich mich an eine kleine Angabe, sauber gestanzt in diesen Lockring: 40 Nm.
Pfff … also vier Kilo an einem Meter Hebel oder 16 Kilo auf dem 25-cm-Hebel einer Ratsche …
Hatte jenes „erst mal handfest, bis die Reifen wieder drauf sind …“ wohl nicht erreicht, und das Ergebnis dieser Schludrigkeit hielt natürlich nicht für die Distanz von 27 km zum Zieleinlauf, sondern nur die guten sechs bis hierhin.
Da hatte ich wirklich an falscher Stelle zu viel von einem Vergesso an den Tag gelegt …

„Na dann zieh es eben fest“, war Denis’ vermeintlich praktischer Vorschlag.
15 Schrauben – deren Inbusschlüssel in Lord Defects Castle ruhten. Und einen Spanngurt (der allein nicht viel ausrichten konnte) hatte ich auch nicht dabei.
„Na dann schieben wir ihn eben zurück … können ja noch ein paar Fotos machen …“, sah Denis es realistisch, nicht ohne ein beruhigendes „Im Treptower gibt’s ’nen guten Bratwurster“ an seinen Bauch nachzuschieben.
So schoben wir wortkarg unsere Fahrräder zurück. Von der architektonischen „Schönheit“ ringsherum bekam ich nicht viel mit, ärgerte ich mich im Inneren tierisch über diese Flüchtigkeit, die mir nun den Besuch vergeigt hatte.
Positiv hieran: Den Fehler würd ich nicht wiederholen, und nächstes Jahr würde wieder so ein Rennen stattfinden …
Im Park angekommen besorgte Denis sogleich zwei Bratwürste als „Trostpreis“, und wir schoben von Bank zu Bank, ließen uns in Ufernähe nieder und genossen Essen und die Aussicht. Immer mal wieder über die Passanten schmunzelnd, die an dem etwas entfernten Lord Defect und dem Hollandrad verharrten, guckten und rätselten.
Nach etwas Stärkung im Magen machte sich Denis ans Fotografieren:
ein paar Bilder hier, etwas Herumgelaufe, ein paar Bilder dort, und auf ging es schiebend zur nächsten Bank mit der nächsten brauchbaren Perspektive
– und die nächsten Planungen fürs kommende Jahr:„Zur nächsten Velo will ich mit dem Azub“, kam es von irgendwo aus seinen Ganglien.
Freute mich – damit wäre mein missionarischer Auftrag beendet, immerhin legte er wohl schon fleißig Geld beiseite, bis es für die Reisevariante reichen sollte.
Und wieder mal musste ich ihm den Gedanken ausreden, dann einfach einen alten Wartburg in Einzelteilen daran zu zimmern. Das letzte Argument – das eigentlich das schwächste war – überzeugte ihn dann zu meiner Überraschung:
„Wie viele Räder hat so ein Wartburg gleich? Und ein Azub? Genau. Und wie soll das dann in den originalen hinteren Radkästen aussehen?“
Wir kamen schließlich – mal wieder – darauf, dass er erst einmal sein nackiges Azub fahren solle … ein oder zwei Jahre … Bis dahin hätte er entweder genug Zeit, sich mit der Dreirad-Vierrad-Transformation zu beschäftigen, oder das Ganze schlicht und einfach zu vergessen, im Fahrvergnügen und Alltag damit.
Auch wenn ich Letzteres nicht wirklich glaubte, hoffte ich zumindest auf Ersteres.
So verbrachten wir Stunden auf der Bank quatschend, tranken Cola und Bier, beobachteten die Leute, die den Briten betrachteten, und den QR-Code am Bug scannten.
Der wiederum brachte sie seit Neuestem direkt hier ins Nordlicht-Tagebuch, seit ich einen Sticker in Originalgröße auf den originalen QR-Code geklebt hatte … Ein „Geistesblitz“, der mir kam, als ich bereits zwei „Lord Defect“-Sticker im Einkaufswagen der Druckerei geladen hatte und mich der „persönliche QR-Code“ als Sonderangebots-Serviervorschlag anlächelte.
Würde mir bestimmt wieder längere Scherereien mit etwaigen Ordnungsamtlern bescheren, die bis dato per QR-Code an den Hersteller verwiesen wurden, was viele der Fragen beantwortete, aber ich hab auf so vielen Fotos von Velomobilen schon URLs zu Foren und Blogs gesehen, und das wollte ich auch irgendwie – mit Absegnung des inneren Ästhetikstudios – dezent hinbekommen.
Ob das Ordnungsamt mir von da an das Leben schwerer machen würde, verlangte wohl eine Antwort von Zukunfts-Frederik. An jenem Nachmittag jedenfalls ließ sich keine Patrouille blicken.
Stattdessen dämmerte es bereits, als ein Herr mit Einkaufswagen vorbeirollte. Im Wagen die obligatorische Mischung aus Tüten, Habseligkeiten, Pfandflaschen und einem klappernden Werkzeugkasten – unter noch mehr Gerödel.
Ich war in dem Moment zu gefangen in der Betrachtung von zackigem Heck und Zyklopenauge … die einfachen Dinge im Leben … als Denis neben mir lauthals mit dem Fahrer des Einkaufswagens ins Gespräch kam:
„Hallo! Hey, Trolley!“
Der Einkaufswagen stoppte, angesprochen.
„Hast du einen Imbus in deiner Werkzeugkiste?“
Da fiel dann auch bei mir der Groschen. Pfennigweise.
Der Herr an der Konsumlore blickte fragend zurück.
„Imbusschlüssel! … Rick, welche Größe?“
„Pfff … frag Fritzi … nein, 4,5 und 5 … glaub ich …“
„Hab ich“, murmelte der Herr mit Lore und – wie beim Näherkommen klar wurde – Fahne. Die der billigen Sorte.
„Können wir uns die mal ausleihen?“
Der Streber im Planungsbüro zwischen den Affen maulte wieder was, das ich nicht verstand in dem Moment, während Einkaufsfahne den Werkzeugkasten zutage förderte und eine Handvoll rostiger Schlüssel herausholte und uns hinhielt.
Denis wollte bereits danach greifen, als ein knappes
„20 Euro!“ kam.
Mein bester Freund und ich fingen nach einer Sekunde des gegenseitigen Betrachtens an zu lachen wie die Blöden.
„Nachgebot und Anfrage“, zuckte der Mann mit Wagen die Achseln.
„Kriegste ’n Bier und gut ist“, erwiderte mein bester Freund nur und griff bereits in seinen Mary-Poppins-Rucksack.
„Drei Bier.“
„Du kannst auch deinen rostigen Mist wieder mitnehmen und bekommst kein Bier“, schaltete Denis die Verhandlungen in den nächsten Gang, während mein innerer Streber beim Betrachten der Kassette am Heckrad endlich zu mir durchdrang.
Der Aufsatz der Ratsche für jenen 40-Nm-Lockring war ganz sicher nicht Imbus – ebenfalls vergessen, in den eigenen Werkzeugpark zurückzulegen. Und insofern das ganze Verkaufsgespräch hier … Perlen vor die Säue.
Aber amüsant anzuhören, während ich versuchte, Denis am Arm zu zuppeln.
„Nimms, oder lass es bleiben!“, hielt Denis ihm gerade eine braune Glasflasche hin.
„… zwei Bier!“
„Werd mal nicht unverschämt, die Imbusschlüssel sind nicht mal ’n Glas Apfelsaft wert!“
„Wir brauchen Ihr Werkzeug nicht, ist das Falsche“, mischte ich mich ein, um das hoffentlich zu beenden.
Der Lorenschieber zeterte dann noch einige Sätze lang, wie aufwändig die Bergung der Schlüssel nun gewesen wäre, und wir ihm ohnehin teure Zeit gestohlen hätten, die er jetzt bitte ersetzt sehen wollte – immerhin hätten wir IHN angesprochen.
Am Ende gab er sich letztlich mit 20 Cent hartnäckigkeitsprämie zufrieden, ehe er grummelig vor Lord Defect stehen blieb und umständlich begann, mit seinem Wagen Schwung zu holen, wohl um ihn gegen die Flanke zu kacheln.
Ethanolbedingte Körperkoordination, stockende Räder auf dem Parkboden und ein donnerndes „Das wird teurer als 20 Euro, also denk nicht mal dran!“ von Denis ließen die arme Seele dann auch motzen von ihrem Vorhaben ablassen und in der inzwischen eingetretenen Dunkelheit verschwinden.
Ditt is Balin. Da sollte jeder einen Denis haben …
Der weitere Weg zurück in den Plänterwald lief ereignislos und unbeschwert; ich erzählte etwas aus meinem Leben, er etwas aus seinem.
Zu dem Zeitpunkt hätten wir eigentlich schon in Gatow am Feiertisch sitzen und schlemmen sollen, wie auf der letzten Seite Asterix, umringt von Rennfahrern und Pedalboliden, seufz.
„Nächstes Jahr wirst du jedenfalls nicht mehr wegen dieser pyramidenspitzen Schraube dort nicht ankommen“, versuchte mein bester Freund mich beim Verstauen des Lords in seinem Castle aufzuheitern.
Tatsächlich brachte er mich damit zum Lachen, denn wenn nicht deswegen, dann hätte Murphy ja nur einen Blick auf meine To-do-Liste werfen müssen. Also sollte ich sie bis zur nächsten Hamburg-Berlin-Fahrt besser mal drastisch reduzieren …
Ja, das wäre doch mal ein Vorsatz.























