Kapitel 40
„Dann is dett S42 Style, wa?“
erkundigte sich Vokuhila.
Ein während des Heilungsprozesses der angerissenen Schulterfasern von mir erstandener Halbzoll-Drehmomentschlüssel in seiner Hand, ein Kaugummi im Mund unterm breiten Schnauzer.
Das Futter des Schlüssels stellte eine ebenso erstandene 20-Zahn-Pedallagernuss von Super B dar – die zweite, nach einem (billigeren) Pendant, das nur so ungefähr ins Pedallager gepasst hatte.
Das wäre allerdings und natürlich der nächste Schritt gewesen, nachdem ich bereits Pleuel und Pedale mit Inbusschlüssel und Kurbelabzieher aus dem Weg geschafft hatte.
Entgegen aller ärztlichen Vernunft wieder mal im Bauch des NLM kniend und am Lenkrad vorbeischlängelnd passiert, aber immerhin mit der einhändig zu bedienenden Ratsche. Und in der „Schlaf-Beinchen-schlaf“-knienden Haltung statt auf dem Rücken liegend.
Dennoch mahnten mich die Fasern, es dabei auch zu belassen, wollte ich nicht noch mal Wochen mit Stretchtape und Thermoplast durch die Welt watscheln.
Das Fahren fiel mit dieser Malaise sowieso flach:
Der schmerzfreie Einstiegs-Cancan weckt falsche Hoffnungen, das Lenkraddrehen macht dann Autsch, und das Aus-dem-Hängesitz-Kommen ist ein Theaterstück der Fasern zum Thema „Dantes Inferno“.
Und dazu passend die humpelnde Pedalerie.
Also musste ich an dieses Spitfirelager kommen, um sicherzugehen, dass meine Messungen, Rechnungen und Recherchen zum Thema Pedallagermaße auch stimmten … und ich nicht was Falsches bestellte, wie etwa beim ersten Schaltseil …
Die KI hatte meine Fotos ähnlich unsicher interpretiert:
Das sind aber schöne Fotos.
Die Wursthand hält das Lineal leider nie exakt genug, so können die Angaben um einige Millimeter variieren.
Und da es 113-, aber auch 115-mm-Lager gibt, wie soll ich dir ein eindeutiges Ergebnis liefern?
Ich kann dir aber ganz sicher sagen:
Es ist kein Pratt-and-Whitney-Turbofan-Triebwerk und auch kein Schaukelpferd.
Mach bessere Fotos! Halte die Skala korrekt, dann wird auch eindeutig – oder bau das Lager aus und lies nach
So stand ich, die Schulter knetend, wieder im Freien, als Idefix mit Herrchen seine Runde über den Rasen fand und interessiert am Lord schnupperte.
„Grüß dich, lang nich mehr jesehen, dett Dreirad!“
begrüßte er mich, während sein Hund wieder mal die Flanke markierte und der Nachbar ein Taschentuch aus der Jacke fummelte.
„Wat machst ’n?“
Ich erzählte ihm vom maroden Pedallager, dem Muskelfaserriss, der mir diese komischen Stretchtapes bescherte, und meiner nun umherspukenden Frage, ob und wie ich das jetzt und hier durchziehen sollte.
Die Pedale waren ja immerhin schon ab.
Vokuhila wischte gerade fertig durch, während sein Idefix schon an ein paar entfernten Büschen schnüffelte.
Sein erster Blick (überhaupt) in den erleuchteten Innenraum, in dem Werkzeug und Pleuel mit Pedalen lagen, ließ ihn pfeifen.
„Ditt is ja schon jeräumisch, da drinn’.“
„Wie in einem sizilianischen Bullen“,
stimmte ich ihm irgendwie zu.
Er war gedanklich offenbar weitergegangen als ich in dem Moment und griff sich den Drehmomentschlüssel.
Vorgespannt auf 42 Newtonmeter.
„Standart?“
kam es dann in meine Richtung als Frage.
„Ein 1/2-Zoll-Drehmomentschl…“
„Nee, nee, nee, dett seh ick selba, ick meen dett Laga!“
„Ich denk schon.“
„Sieht uf jeden Fall so aus. Rennradzeuch hat nich diese Viecher so weit …“
zeigte seine freie Hand mit Finger waage in Richtung des Lagers.
Was auch immer er damit meinte …
Ich zuckte die Schultern. Ich hatte nie ein Rennrad.
„Dann is dett S42 Style, wa?“
stellte er die Frage eher sich selbst und setzte eigenmächtig den Schlüssel in die Kettenblattseite.
„Was für ein Style?“
„Na jegen den Uhrzeiger. Ringbahn. S 42.“
Vokuhila musste sich ganz schön verbiegen, die Nuss anzusetzen; der Schlüssel selbst war knapp lang genug, um im Raum, den sonst die Sitzfläche einnahm, bedient zu werden.
„Ick war Kfz-Schlosser, also halt ma de Füße still“,
übte Vokuhila sich in schroffer Beruhigung des nervös umherwobbelnden Frederiks
und drehte das Lager vorsichtig und sichtlich routiniert im Umgang mit Lagern heraus:
Erst rechts, wo das Kettenblatt einst auf der Achse saß, dann links (Rechtsgewinde), um mir nach kürzester Zeit das ölige, ausgebaute Lager zu überreichen.

Und davor hatte ich mich jetzt seit Stans Weltkriegs-Impressionen zur Velo so lange gedrückt?
Lieber ’nen Akku eingebaut und Kabelbäume und ein neues Vorderrad (– gut, das war wirklich nötig –), als mich um dieses kleine ölige Ding hier zu kümmern, das gerade meine Hand einsaute.
„Saachse Bescheid, wenn de ’n neues Lager rinn machen willst und de Schulta noch zwiebackt!“
kam es auf meinen Dank hin, und Vokuhila pfiff nach Idefix, um seine Gassirunde fortzusetzen.
„Mach ich. Danke noch mal“,
rief ich den beiden noch hinterher und besah mir sogleich die geborgene Patrone.
Die Pedalachse probehalber – und aus intrinsischem Spieltrieb – gedreht, fühlte sich an, als drehe man einen Mörser in einem Tiegel Sand: knirschend und sehr weit weg vom Fidget-Spinner-Gefühl.
Oder eben jenem Fahrkomfort von Stans hölzernem Velocar.
Das Kugellager verlor Öl, welches sich auf dem Gehäuse verteilt hatte und die Schrift darauf verbarg.
Da die Hände nun eh schon eingesaut waren, wischte ich ein wenig der Schrift wieder frei:
Ein Shimano BB-UN300-Lager.
Den Rest würd ich mir daheim im Spülbecken beschauen.
Was ich gleich darauf in der näheren Wohnung tat.
Eine Angabe zu Patronenlagerdurchmesser kam zum Vorschein (68) sowie Gewindeangaben (BC 1,37×24).
Außerdem die Breitenangabe mit 123 und, dass es aus einer Fabrik Malaysias in die weite Welt hinaus verschifft wurde.
Nachgemessen stellte die Lehre eine Breite von gerundeten 113 mm fest.
Ein wenig eifrige Nachfrage brachte diese Differenz von vermeintlichen 10 mm dann recht schnell ins Reine:
Ja, damit haben Anfänger (wie du) so ihre Schwierigkeiten:
Kurzum: Shimano hat eine eigene Skalierung, und nach der entspricht 123 eben 113 mm …
Soll ich dir noch mal ein Lineal erklären, und wie rum man es hält und warum?
Nee, lass mal.
Ich fahndete auf den einschlägigen Seiten nach passenden Lagern und wurde beim Bikeshop und bei Rose fündig.
Rose machte schließlich das Rennen, lag die Erinnerung an eine Felge mit unpassender Anzahl an Speichenlöchern noch zu weit oben in der Erinnerungskommode.
Und jeder darf ja mal.
„Was ist da im Waschbecken los?!“
stellte das Alphawibchen mich wieder auf die Aufmerksamkeitsgleise, die Sauberkeit und Frieden fördern würden.
***
Vier Tage Heilungsprozess, missratene Danksagungen an die fleißigen fünf Leser der Fanfiction und ein Hermes-Paket später lag ein identisches neues Lager
ohne das ganze ausgetretene Öl vor Lord Defects Castle.
Sogleich versuchte ich, irgendwie von außen an das einstige Pedalriesenrad und seine offene Hülse zu kommen, mit Pentanol, Zahnbürsten und sauberen Lappen.
Den Handstaubsauger hatte ich hier schon vorher bemühen müssen, um die Reste abgeknipster Kabelbinder, Bohrspäne, Schalen, Flocken und verirrter Glasfasern zu beseitigen.
Vorher war mir beim Öffnen der Schlüssellochnase eine Maus entgegen- und herausgesprungen, vor ihrer Flucht, ohne ihre Nussreste mitzunehmen, deren Beseitigung zunächst anstand, so lange Fritzi seine strenge Diät aus Fahrtwind und Spinnenweben nicht umzustellen bereit war.
Fuck …
Ein besorgter Blick entlang des Kabelschuhs und Leitungen aller Art offenbarte aber keine Mängel oder Bissspuren.
Die Hängematte war ebenfalls verschont geblieben.
Dafür entsprach wohl der Bezugsstoff der Failsafe-Sitzfläche (aka Kindersitzerhöhung) im Kofferraum eher ihrem kulinarischen Geschmack, wofür die umherliegenden und hervorquellenden Schaumstoffflocken und das durchscheinende Styropor des Sitzes Beleg waren.
Ein paar verirrte innere Affen riefen sogleich nach einem Eisennetz hinter den großen Seitenöffnungen, die dem Mäuserich als Eingangspforte dienten.
Die anderen Affen ließen mich schon mit den Putzutensilien, neuem Lager, Drehmomentschlüssel und Enthusiasmus in die Wanne und zum Pedalium gelangen.
Das Putzen mit Zahnbürste, Pentanol und Lappen geriet mit wenig Kraftaufwand und mit schlafenden Beinen ausführlich und lang, damit auch die letzten Fitzel aus den Gewinden flogen und so nicht im Helixweg der Gewinde herumlagen.
Das Anziehen der ersten kettenblattseitigen Gewinde brauchte drei Anläufe, ehe sich die Gewinde widerstandsarm und flüssig fanden. Die Bedienung des Drehmomentschlüssels bequemer als befürchtet, aber weit weg von angenehm.
Umso wichtiger, dieses Lager und die Gewinde ordentlich und eingefettet …
Ääch …
Ich drehte also noch einmal vorsichtig das Lager heraus, kämpfte mich einarmig aus dieser Lage und aus dem Briten und griff, nachdem die Beine wieder aufgewacht waren, nach der Tube Fahrradmontagefett aus dem Toolpark (in Abteilung „Schmierig und Flüssig“, neben Kettenöl und WD-40), um damit – wie von den Fahrradmontagegurus auf YouTube angemahnt – die Gewinde der Patrone dünn einzuschmieren, weil das einen späteren Ausbau um einiges seines Fluchpotenzials durch festgebackene Gewinde beraubt.
Das Gleiche dann noch – wieder im Pedalium – in die Gegengewinde des Lagers und wieder hineinschrauben, die ganze Geschichte.
Angenehm hierbei die spiegelbildlichen Gewinde dieser Pedallager, da es seitenunabhängig nur darum geht, den Hebel des Drehmomentschlüssels nach unten zu drücken.
Zufälligerweise derselbe Weg, den auch die Schwerkraft für gewöhnlich nimmt.
So hatte der Geburtstagskuchen zu viel in der Woche noch einen helfenden Anteil, als ich mich mit wenig Aufwand auf den Schlüssel lehnen konnte, bis es knackte …
Also … im Drehmomentschlüssel … ein gutes Knacken …ausnahmsweise mal.
Nun noch die Pleuel mit den Pedalen hineingebaut – ebenfalls gefettet – und mich wieder mal darüber amüsiert, wie sinnbefreit diese Katzenaugen an den Pedalen hier drinnen doch waren, wohl aber bestimmt bürokratischen Vorgaben entsprachen.
Sei es drum, auf zur Testfahrt.
Ja, die Schulter schmerzte immer noch etwas beim Lenken, aber immerhin trieben mir die Pedale mit ihrem „fabrikneue Turbine“-Verhalten ein entspanntes Lächeln ins Gemüt:
Kein Leerweg, kein Humpeln, alles ein kleines bisschen näher am Komfort von Stans hölzernem Bein tley – nur tiefer, lauter und ohne Tür.
So kletterte ich gegen Ende der Testfahrt wieder vor Lord Defects Castle heraus – immer noch ein bisschen Aua –, als Vokuhila mit Idefix vorbeischlenderte.
„Fährst jetz’ ohne Pedale, oda wie?“
„Ich hab das Lager selbst wieder eingebaut bekommen“,
resümierte ich mit ein bisschen so was wie Stolz.
„Und komm grad von der erfolgreichen Testfahrt.“
„Na, Glückwunsch“,
nickte er anerkennend zu und fischte abermals und an der Schwelle zur Ritualität ein Taschentuch aus der Tasche und putzte Lord Defect.
Hatte seine Fußhupe wieder gepullert?
Hatte ich nicht drauf geachtet in dem Moment.
Die inneren Affen erinnerten sich gerade an Mickey.
„Aber so wie es aussieht, hab ich einen Untermieter“,
brachte ich diese Kugel ins Gesprächsroulette.
„Seh ick, dett Viech da. Haste aba schon ’ne janze Weile.“
Er deutete mit Kippenhand auf Fritzi.
Ich erzählte ihm von Nussschalen und einem fliehenden Mickey, was er nickend, rauchend und mit anschließendem
„Kenn icke. Ha’ ick wat da’e.“
quittierte.
Meiner tierlieben Ader für Kleinsäuger und weil ich selbst nach Leo Lionnis Buch „Frederick die Maus“ benannt worden bin,-Bruders Lieblingsbuch- hoffte ich also, nicht gleich auf Genickbrecherfallen oder Ähnliches gestoßen zu sein.
„Ick bring doch ooch keene Fellis um …“
beruhigte Vokuhila sogleich und bat mich zu warten, während er sich zu seinem Kofferraum aufmachte, in Sichtweite zum Castle und seinem Vierbeiner und mit einer Zerstäuberflasche zurückkehrte.
„Sprüh dett innen rinne … so alle zwei Wochen.
Riecht nach Kamille oda so wat. De Pheromone halten Nageviechers jedenfalls fern.“
Ja, an so was hatte ich auch gedacht.
Ich sprühte also ausgiebig davon in Lord Defects Wanne, auf die Leitungen, in die Rendez-Vous-Bar und reichte die Flasche zurück, was Vokuhila nachdrücklich ablehnte.
„Kiekste ers’ma, obs wat bringt … villeisch’ hasste ja ’ne doofe Maus.“
„Ja, vielleicht … danke.“
Wenn Mickey, doof oder nicht sich und seine Nüsse nicht mehr da drinnen aufhielt, würde ich ihm eine neue Flasche holen.
„Deck dett Rad jut zu’e.“
war sein abschließender Rat, als er und Idefix weiterzogen.
„Mir zwickt da wat im Knie. Also wird dett bald schnei’n, da komm’n dann och de anderen ausm Wald!“
Sein Knie lag knappe fünf Wochen zu früh.
Also ungefähr die Zeit, die es dauerte, bis die Muskelfasern sich in Ruhe ausgebessert hatten.
So schränkte nicht mehr die Schulter die Fahrfähigkeit ein, sondern eben jene Schneedecke auf den Fahrradwegen, die die Bodenfreiheit des Lords arg überforderte.
Da half es auch nicht, dass die Unimog-Schaufelberge der einstigen Straßenschneedecke auf den Fahrradwegen ihr Endlager fanden wie die Spielzeug-Anden.
Die traditionelle Fahrt zur Kirche an Weihnachten, kurz vor den ersten Flocken, stellte dann auch die letzte (schneeproblemlose) Fahrt des Jahres dar, ehe Lord Defect hoffentlich ohne Nagetiere durch den Winter kommen würde und Fritzi die Winterschachmeisterschaft gegen die Spinnen im Inneren friedlich meisterte.
Bis dahin, ein frohes neues Jahr, allerseits.