Tagebuch eines Nordlichts (Erfahrungen mit dem NLM 557)

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Berlin
Kapitel1

"Oma ist tot", waren meine ersten Worte an meine Frau, nachdem mein Onkel mir von Tränen zerflossen kurze Zeit vorher genau diese Nachricht in wesentlich blumigerer Ausschweifung dargelegt hatte: Kettenraucherin und 95 Jahre alt, das kann so was schon mal passieren, aber ich denke, Gott hat sie trotzdem seelig. Ein paar Wochen und eine feierliche Beerdigung mit allem Tamtam und sogar einer Livekapelle später trudelte auch schon eine Kopie des Testaments von ihr ein, nach dem ich ein bisschen (viel) Geld vermacht bekommen sollte, und so unterhielt ich mich wiederum ein paar Tage später mit meinem Onkel - inzwischen mit versiegten Tränenkanälen- was ich denn mit dem kleinen Batzen an Euros machen wolle.
Nun bin ich nicht wirklich unkreativ, aber ich Glaube, würde mir ein Flaschengeist erscheinen, weil ich etwas zu enthusiastisch an seinem Gefängnis gerubbelt hätte, und der forderte mich auf, bitte jetzt ganz schnell drei Wünsche an ihn loszuwerden, stünde ich erstmal auf meiner Zunge vor Überforderung, so war ein Einfall meines Onkels, hol dir doch ein E Bike...Er kenne da wen, der sei der "Führende Experte in Deutschland, ach was sag ich, der Welt" und der würde ja auf Marke xy stehen, also hol dir doch so eines! (Nun muss man wissen, dass mein Onkel immer so ein bisschen zum Posen und zum Drama neigt, aber das kannte ich ja schon)
Also war der in meinem Geiste schon heruntergebrochene Vorschlag : Leiste dir doch mal ein ordentliches Fahrrad, Junge.
Und der Vorschlag gefiel mir wirklich. Nach Jahrzehnten aufgetragener Fremdräder, von Freunden, Bruder oder Partnerinnen die mir zwar viel Praktisches in Sachen Wartung und Reparatur beibogen, aber nie wirklich spaß gemacht hatten.
In Berlin macht ein Auto für die Wege in der Stadt sowieso keinen sonderlichen Spaß, so freundete ich mich immer mehr mit der Idee an, doch wohin mich google auch schickte: Es waren alles die gleichen altbackenenen Designs und Variationen von Fahrrädern, wie ich sie aus meiner Kindheit schon kannte: Klar, neuere fancy Materialien, und hier mal ein "kecker" Schwung mehr, oder da eine freche Ecke, die dann von Marketing-Versierten mit den beiden Silben "De und sign" verziert darüber hinwegtäuschen sollten, dass es eigentlich kein wirklich neues Design war...
Da ich aber nun auch keinen Bock auf einen Dacia oder nen gebrauchten Kompaktwagen in Hornhaut-Umbra- Metallic und/oder fünf Vorbesitzern hatte, so wie auf Benzin und KFZ bedingten Ausgaben generell, blieb ich bei der FahrradIdee zur Mobilität hängen,
doch musste es doch irgendwas dazwischen geben. kein Auto, kein Fahrrad, und einen Motorradführerschein habe ich nie besessen.
Tante Google, die Gute, hatte mir dann gleich den richtigen Gattungsbegriff nebst unzähligen Fotos vor die Türe gelegt, wie eine überfleißige Katze... Ach, Velomobil heißt das.. ja, das klingt gut: Zur Arbeit fahren und zurück, Wetter bleibt draußen und die Schulkinder der Schule, an der ich arbeite hätten auch früher als ich die Horizonterweiterung, und könnten wesentlich früher mit dem Interesse daran anfangen, auf Autos verzichten, der Planet wäre gerettet.. also auch pädagogisch irgendwie sinnvoll (Was man sich als Erzieher eben so aus den Fingern zieht, wenn eigene Belange auch gefälligst den Kindern etwas Mehrwert zu vermitteln haben;)
Diverse Youtube Videos später stieß ich dann auf mein zukünftiges Vehikel, und war schockverliebt:
Ein Brite, der in seinen Linien aussah wie eine Mischung aus Formelrenner und Schnellboot, Dehaviland Jagdflugzeug, Morgan Threewheeler und Dodge Tommahawk, das wollte ich haben.
Die Seite (northernlightmotors.com) und das ansprechende Werbefilmchen, in dem von einem tretbaren Generator, der den Strom dann kettenlos zum Radnabenmotor übertrüge zu klassischer Musik die Rede war, waren für mich emotional aufgeladenen Verliebten dann auch plausible und rational gute Gründe, gleich so ein Vehikel zu bestellen...was ist schon ein halbes Jahr Wartezeit für so ein Schmuckstück?
Nun, Auf jeden Falle viel Zeit, sich von Verwandten anzuhören, wie bescheuert man denn eigentlich sei, so ein horrendes Geld für ein Fahrrad aufzubringen, und das diese Art von Antrieb doch nur den Prototypen vorbehalten bliebe, dass man ja gar nichts sehen könne, bei den Schießscharten von Fensteröffnungen, und mich ja gar keiner sähe, es unsicher sei, ich gar keinen Platz hätte, so ein Monster von einem dreirad nirgendwo unterzustellen könne, und die Briten ja sowieso schon immer nur Scheiße produziert hätten, wenn es um berädertes ginge. Oma würde sich im Grabe herumdrehen, wenn sie wüsste, was ich mir da von IHREM Geld blabla sni sna..."Ja, vielleicht, aber bestimmt nicht so stilvoll, wie dieses Velomobil wenden kann."...
Einen Großteil dieser "Bedenken" und Vorwürfe wurde von mir dann einfach ausgeblendet oder zusammengefasst mit " Okay, Onkelchen ist beleidigt, weil ich nicht seine bekannte Welt-Koryphäe konsultiert hatte, die mir so ein 08/15 Ebike aufgeschwatzt hätte - wie ihm,
und Väterchen traut mir nicht zu, dass ich im Straßenverkehr die Bedeutung von Ampeln und Schildern behalte, macht sich halt sorgen um den letzten übriggebliebenen Sohn."
Immerhin meine Frau war erleichtert, entpuppte sich mein erster Satz an sie nachdem ich das Northern Light gesehen hatte "Liebling, Ich hab mich neu verliebt!" als relativ harmlos. Ich würde wohl nicht die Scheidung einreichen und in Dänemark ein Fahrrad heiraten, mehr Zeit mit ihr verbringen als mit dem Velomobil...
So verlief also die Wartezeit die mit verabschiedeten knappen 300€ an die kleine Manufaktur begonnen hatte schnell und voller Tagträumerei...der anstrengende Teil sollte kommen, da mein Onkel im einen oder anderen seiner vielen Kritikpunkte durchaus einen Nagel halb ins Schwarze traf, doch dazu mehr im nächsten Kapitel...
 
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Kapitel 2

"We will build your Trike the next days, what are your specifications?"
Auf die freundliche E-Mail von Mister Browne, dem Chef von NLM entfuhr mir ein Jubel, vor dem der Familienhund fast Reißaus nahm.
Sogleich schrieb ich meine Antwort " die Heckkamera, die besseren Bremsen, die Big Ben Plus Reifen, ach und es soll bitte genau so aussehen, wie das Ding aus dem Promotion-Video, also Blau. Am besten mit dem großen Akku" an ChatGPT mit der Bitte, die KI möge mir das in ein freundliches und britisches Englisch übersetzen. Mit Copy-Paste und ein paar Klicks war die Antwort dann auf dem Weg, und eine Bestätigung: " Roger that! See invoice in Mail."
Nach Begleichung dieser, sollte es also endlich losgehen...(die 300Öcken aus dem ersten Kapitel stellten nämlich nur die Anzahlung dar.)

In meiner Vorstellung sah ich bereits den Tieflader LKW in der kleinen Auffahrt eine Holzkiste mit Kran abladen, Teekisten-Buchstaben "this Side Up" nebst Pfeil inklusive.
Ein unfreundlich grimmiger Fahrer, der mir ein Klemmbrett hinhalten und eine sofortige Unterschrift einforderte.
Ich mit einer Brechstange daneben bis ich endlich die Nägel aus der Kiste hebelnd in einem Meer aus Styroporkügelchen ertrank.
Der Chef von NLM konnte meine Sorgen und Vorstellungen weitestgehend entschärfen:
Es würde sich um einen Gentleman in einem kleinen Box-Truck handeln, und eine Holzkiste mit Styropor seien auch nicht vorgesehen.

Dann eine gute Woche und etwas Bürokratie später die Nachricht, es sei auf dem Weg, und würde 9/11ankommen.
Der besagte Tag war von besten Spätsommerwetter begleitet, kein Wölkchen, nicht zu warm oder zu kalt und mein bester Freund am Start, der mich tapfer ertragen hatte die letzten sechs Monate, und sich, glaub ich insgeheim auch über die Ankunft freute (oder zumindest darüber, dass die Wartezeit endlich vorbei war und Ich ihm nicht weiter auf den Sack ging mit meiner Besessenheit, Skizzen und Fakten) und entsprechendes "Begrüßungsbier" kalt gestellt hatte.
So verbrachten wir also den Abend bis dann die Spedition sich meldete:
"Wir liefern morgen früh, so gegen 8 Uhr, heut ist zu spät"...
"9/11 ist in diesem Jahrhundert eben noch nie ein gutes Datum gewesen", zuckte mein bester Freund die Achseln, und so stießen wir dennoch mit dem nun umfunktionierten "Verspätungsbier" an.
...
Am nächsten Morgen stand ich auf dem Balkon, beobachtete durch den leichten Nieselregen die vorbeiziehenden Ducatos, Sprinter und baugleichen, bis irgendwann tatsächlich ein Renault Master mit Planwagenheck den suchenden Weg durch die Straße entlang schlich.
Wie zur Bestätigung piepte das Handy " stehe vor der Tür."
Einen schnellen aufgeregten Toilettengang später stand ich also hinter dem Renault, als der freundliche Gentleman die Plane hochschlug und Fixierungen löste.
Ich weiß noch wie ich sprachlos da stand:

Wie ein Raumschiff stand es nun da oben in seiner ausladenden Dreidimensionalität... Etwas Trockeneis hätte noch gefehlt, für diese Atmosphäre, wären mir da nicht schon ein etwas zu schiefes Blink/Positionslicht und ein offensichtliches Missverständnis, was die Farbe anging, aufgefallen:
Während das Video ein komplett blaues Heck präsentierte, geriet es bei demselben Exemplar hier bis auf einen blauen Rennstreifen mausgrau, der vordere Streifen auf der Front hingegen weiß mit einem QR Code, der auch interessierte Außenstehende mit Handy auf die Homepage von NLM schickte.
Überraschend und nicht unbedingt das, was ich zu dem Zeitpunkt gewollt hatte, aber da ich zu jener Zeit einige Stunden in "Cyberpunk 2077" verbracht hatte fand ich diesen QR Code irgendwie als Future- Nummernschild ganz stimmig, und schloss schnell meinen Frieden damit.
Das Abladen dieses Dreispur Gefährts gestaltete sich als aufwändig, da der Gentleman nur zwei Rampen an Bord hatte, und so dass Gewicht ein ernstzunehmender Faktor war... Aber mit vereinten Kräften fand es sicher seinen langsamen Weg auf Berliner Boden.
Dann wurde mir ein Klemmbrett gereicht, ich signierte -der einzige Aspekt, der von meiner Vorstellung tatsächlich so eintraf- und der Gentleman suchte das Weite, was er ohne Weiteres fand.
So stand ich da, montierte die Blaue Front wie in einem wackeligen Youtube-Video von NLM selbst gezeigt
(Dieses Video im Vorfeld zu schauen war sowieso eine Hilfe, da eine Bedienungsanleitung oder Montageanleitung nicht beilag.)
Rückte den recht flexiblen Blinker zurecht und realisierte das erste Mal, wie unglaublich lang 3,40m wirken können, in Verbindung zum flachen Meter Höhe.
Endlich, nach einem halben Jahr Wartezeit kletterte das erste Mal ins Cockpit.



Ein etwas überfrachtetes Lenkrad und irgendwo im Dunkel ein paar Pedale begrüßten mich schweigend, als ich auf den Hängemattensitz plumpste.
Der Hailong-Akku mit seinen 20Ah,hinter einer Vertikalverstrebung zwischen den Unterschenkeln besaß einen kleinen roten Kippschalter, und – wenn dieser eingeschaltet wurde- eine Anzeige mit dem Ladestatus, wenn man die vier grünen LEDs beim Tippen auf einen kleinen Knopf in der Mitte zwischen je 2LEDs zu deuten verstand, und hinter der Vertikalverstrebung und durch meine Wurstfingerchen überhaupt erkennen konnte.

Das andere und eigentlich offensichtliche Indiz, dass der Akku gerade angeschaltet war stellte ein mittig hinter dem Lenkrad platzierter kleiner Bildschirm dar, der farbig und mit Abstandswarnlinien in grün gelb und rot das Geschehen hinter dem Hinterrad zeigte..

Ein leichtes Flimmern stellte sich dann doch nur als harmloser Nieselregen heraus, also gab es hier schon einmal nichts zu beanstanden.

Eine Drei-Knopfleiste am rechten oberen Ende des Lenkrades lies dann einen zweiten Bildschirm in der Mitte des Lenkers selbst aufhellen, welcher über Kilometerstand (28Km zudem Zeitpunkt, also wurde offenbar schon eine kleine Testfahrt unternommen), Tageskilometerstand. gefahrene Gesamtzeit, Stoppuhr, Tachometer, Ladezustand, Unterstützungsmodus und Momentanleistungsanzeige in Watt informierte. Längst nicht so abgespaced, wie die Homepage von NLM es zeigte, aber mit solchen Petitessen hielt ich mich nicht lange auf, sondern trat zum ersten mal überhaupt in elektrisch unterstützte Pedale und zum ersten mal überhaupt bewegte ich ein Velomobil.. Es knackte etwas, aber ich (Idiot) war eben der Annahme, das wäre halt so, von wegen neu (und ignorierte damit gekonnt in dem Moment, dass es ja schon 28Km auf der Uhr hatte)

Schon die ersten Meter und die Optik der Vorderreifen, die den Lenkbefehlen zuverlässig folgten trieben mir ein muskelkaterförderndes Grinsen aufs Gesicht und ins Gemüt. So mussten sich Formelfahrer fühlen, wären sie auf Fahrradbereifung unterwegs, und ich fuhr meine erste kleine Runde zur Zweitwohnung, in der meine Frau und die Kinder ihre Zimmer hatten.. an und für sich sind das nur knappe 200 Meter Luftlinie, doch mit ein paar Umwegen und Mäandern kommt man da auch gerne auf zwei Kilometer, ehe es dann seinen ersten Parkplatz vorm Haus fand:

erster Parkplatz - Perspektive Küchenfenster.jpgerster Parkplatz - Perspektive vorm Haus.jpg

Auf dem Weg und bei der Ankunft vor ihrem Wohnhaus fielen mir gleich zwei Dinge auf:
  1. ich hatte die Persenning vergessen, so regnete es fröhlich ins Cockpit (die Verkabelungen hielten so einem Missgeschick also Stand) und
  2. die Kette war doch sehr laut unterwegs, und machte Zicken beim Runterschalten.
Und irgendetwas klapperte durch die Wanne. Nach etwas Sucherei fand ich auch schon die besagten Gegenstände, die sich als Pulleys und Distanzscheiben herausstellten.
Pulleysalat.jpg
„Cool, die haben sogar Ersatzteile beigelegt, was für zuvorkommende Briten“ war mein erster Gedanke, doch es war der Auftakt zur ersten größeren Reparatur- und Verbesserungsorgie, die folgen sollte...
 
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Hast Du eigentlich mit dem Nabenmotor einen Rückwärtsgang? Laut der Webseite gibt es das ja nur für die „unbeschränkte“ Variante. Das ist beim VM tatsächlich ein Punkt der mich ein wenig stört, insbesondere in Verbindung mit den großen Wendekreisen, die ja selbst unter Nutzung einer zweispurigen Straße und einer Grundstückszufahrt das Umdrehen ohne auszusteigen meist unmöglich machen.
 
1,1m breit und 3,4m lang!?
Ich muss gestehen, es noch nicht mit dem Zollstock vermessen zu haben, aber der kleine Smart aus unserer Nachbarschaft ist auf jeden Falle deutlich kürzer, der Twingo der Nachbarin ein kleines stück länger... ich habe die Dimensionen einfach unhinterfragt von den Dreitafelansichten der NLM Homepage übernommen, aber jetzt wo ich drüber nachdenke steht da auch es sei sogar 1,2m breit, und ein ausgemessenes 1,20m Tor, dass ich ab und zu passieren kann mit etwa 5cm Spiel auf beiden Seiten, lassen mich erahnen, dass es vielleicht doch nur 1,10 breit ist...ich Werd es noch mal genauer vermessen, guter Punkt,Henri
Du eigentlich mit dem Nabenmotor einen Rückwärtsgang?
Hab ich tatsächlich nicht, und auf unbekannten strecken, bei denen ich dann plötzlich vor einer zu engen Passage stehe heißt es raushüpfen, am hecklichtbügel anheben und drehen..aber man gewöhnt sich ja an alles. Der Wendekreis ist aber Recht überraschend klein, da die räder unglaublich weit einlenken können -gut, dafür ist der Radstand auch relativ weit

genieße Deinen Schreibstil sehr.

Danke daß Du diese Story mit uns teilst!
Das freut mich, ich geb mein Bestes
 
Der Wendekreis ist aber Recht überraschend klein, da die räder unglaublich weit einlenken können
Richtig, wenn der Wendekreis da nicht deutlich kleiner wäre, würde man ja durchaus auch am Konzept zweifeln - die externen Räder kommen ja auch mit erheblichen Nachteilen daher (dass Du damit in Berlin 99% der Radwege nicht mal wenn Du wolltest benutzen könntest, brauche ich Dir ja nun wirklich nicht erklären :D ).

Wie schnell wirst Du damit eigentlich jenseits der Motorunterstützung? Aerodynamisch solltest Du ja dennoch mehr als 25 km/h schaffen, aber mit dem offenen Hinterrad bist Du ja dennoch als Fahrrad identifizierbar, sodass bei den Geschwindigkeiten der durchschnittliche berliner Autofahrer wohl ein Aneurysma bekommt, weil Du nicht mit 55 durch die Tempo-30-Zone fährst.
 
Kapitel 3

„I'm very sorry, for the issures,Frederik...“

Mister Browne war sehr verständnisvoll und bemüht, sich meines Problems aus 800 Kilometer Entfernung anzunehmen. Sofort nachdem ich ihn fragte...also höflich und britisch durch GPT fragen ließ, was das denn für Pulleys wären, und was bei der Lackierung falsch gelaufen sei, schickte er mir sogleich neben Bildern, wie die Pulleyorgie unter dem Sitz eigentlich auszusehen hätte:
Pulleys unterm Sitz SOLL.jpg

Bei mir sah das ganze zu jenem Zeitpunkt eher so aus:

Pulleys unterm Sitz IST#.jpg



Das positive: ich hatte endlich die Quelle des lauten Kettentriebs erkannt:
statt unter der kleinen Kunststoffführung entlangzuwandern, wanderte sie einfach mittendurch...
DIe Briten: Verkaufen dir nicht nur ein Velomobil, sondern eines, das gleichzeitig eine Kettensäge ist, das muss sich erstmal jemand trauen.


Bei der Lackierung teilte er mir mit,dass diese Heck-Lackierung bei den Prototypen recht schnell rissig geworden waren, so dass sie darauf verzichteten, aber er könne mir gern den RAL Farbcode für das Pastellblau geben, wenn mir der Sinn danach stünde, es eigenmächtig nachzubessern.
("Warum kommt denn dann nur so ein knappes "Roger that? Wo habt ihr denn Kommunizieren gelernt? In Wayne Manor? Darf doch nicht wahr sein" - in freundliches britisches Englisch übersetzen, Bitte: "In deed, I understood"...Danke GPT...)

Und mittlerweile fand ich das Mausgrau eigentlich auch ganz okay und stimmig,
wenn diese Form schon so schreit, muss es die Farbigkeit nicht auch noch tun, sonst denken die Leute noch, mit mir und meinem Verhältnis zum eigenen Penis stimme was nicht (also das „pinker Lamborghini“- Phänomen)

aber für spätere mögliche Ausbesserungen war es schon ganz praktisch zu wissen, in welchen Farbtönen man denn lackieren sollte, also bedankte ich mich und wandte mich wieder den defekten Teilen des Kettenstrangs zu.

Warum die ganzen Pulleys aber soschnell und unbeschwert von ihrem Arbeitsplatz in Ruhestand hüpften,blieb ein kleines Mysterium.

Aber ich hatte etwas zu tun am anstehenden Wochenende, nämlich, die ganzen eingesammelten Mechanischen Wunderwerke wieder auf das kleine 5mm Gewinde zu friemeln, und die Kette darauf zu schlumpfen.

Das klappte auch alles relativ gut, bloß war das Anfahren danach immer noch recht schwierig, und die Gewindestange verbog sich noch einmal mehr,ehe die Pulleys abermals keinen Bock mehr hatten und sich selbst über das verbogene Bindeglied ins Wochenende entließen...Wohlverdient, möchte ich nicht sagen.
Frederik 557 pulley-bar bend.jpg


Führte aber dazu, dass meine Frau, die Gute, mich teils mitleidig und teils amüsiert auslachte, was für eine Scheiße ich mir denn da zugelegt hätte. Ich solle es umgehend abholen lassen und mein Geld zurück fordern...

Ich denke, der mitleidige Teil war der, dass sie mich zu gut kennt, und weiß, das mich solche mechanischen Puzzle schon seit je her fasziniert haben, und sie ahnte, dass ich, bis das Problem gelöst wäre, vielleicht doch mehr Zeit mit dem Velobil („Das heißt VeloMObil, Schatz“) verbringen würde, als mit ihr.

So konsultierte ich die nächsten Tagen regelmäßig Mister Browne, der mir dann irgendwann die Nummer von „Dan, the Man“ (so hab ich ihn jedenfalls eingespeichert) gab mit der Bitte, mich mit „Questions and issures about the drivetrain and electrics“ an ihn zu wenden.

Was ich umgehend tat...zwei Wochen später...nachdem ich es noch mal selbst mit einer neuen Gewindestange probiert hatte.


Um dieses verbogene Ungetüm erstmal aus seiner Halterung zu bekommen, hieß es unter das NLM kommen, eine mit Silikon und sechs Schrauben gesicherte Bodenplatte lösen, und irgendeine der Schrauben dort (am besten die, mit dem schiefen wackeligen Gewinde dran) in der Kabelgrube finden und einfach herausziehen, ehe die nächste Gewindestange eingesetzt, neue Pulleys und Distanzscheiben aufgesetzt und die Kette wieder eingehangen werden sollte.

Aus heutiger Sicht ist es schon drollig, dass ich mich nicht getraut habe, das Velobil (Es heißt VeloMObil, Schatz) beherzt auf die Seite zu legen um an den Unterboden zu kommen.
Lord Defect and the Pickler Dreieck.jpg
Statt dessen hatte meine Frau den Einfall, das Picklerdreieck unseres Jüngsten unter ein Vorderrad zu stellen, um mich darunter zu legen und die ganzen Reparaturen liegend durchzuführen. Ich glaube, das hat meinen Rücken schon ein paar Jahre Bandscheiben-Leben gekostet. Die neue Silikondichtung aus der Fugenspritze und die Schrauben im Liegen wieder an das Rad zubekommen bestimmt noch mal drei Wochen Lebenszeit, so eingesaut wie die Hände danach waren, und die dreckigen Pfotenabdrücke dann von der Karosserie zu bekommen bestimmt einen Platz im Himmel, so viel wie ich da geflucht habe... Ja, ich hätte besser Handschuhe benutzt ,aber, tja, was soll ich sagen: Das A in meinem ADHS steht auch manches mal für Aktionismus und das H für hirnbefreit.

Als die erste Testfahrt nach dieser Aktion dann wieder endete, wie die beiden vorher vermutete ich, das entweder, der Fehler an der Materialstärke der Gewindestange lag -das einfach zu dünn und schwach war, um an einem einzigen Punkt fixiert zu werden, oder die verirrte Seele einer Kettensäge im Velobil (Schatz...schon gut...) steckte.

Also konsultierte ich Dan the Man, der mir auch mitteilte, er habe schon von dem Problem gehört (ach was?!) und eine Lösung sei in Arbeit und in Bälde zu mir unterwegs.. Nein, natürlich kostenfrei.

Ich beschloss, in der Wartezeit die ganze Konstruktion noch einmal anders aufzubauen, chön geplant am Rechner, mit System, und mir schließlich eine eigene Konstruktion zusammen zu schustern,
Frederik 557 Solution.Working progress.jpg
es wäre doch gelacht, wenn man für das dünne Gewinde nicht noch einen zweiten Befestigungspunkt konstruieren und bauen könnte, so verbrachte ich also wieder ein paar Stunden oder Tage, ehe ich eine Konstruktion heraus hatte, die fummelig zu bauen war, aber immerhin dazu führte, dass die Gewindestange nicht mehr verbog.

Danke hier nochmal an meinen besten Freund, der mir hier und da half, Werkzeug reichte und dem Vehikel-als Douglas Adams Fan- den Spitznamen „Lord Defect (als Reim auf „Ford Prefect“) verlieh... Ja, ich habe recht nerdige Freunde und mag schwarzen Humor.

So „upgegradet“ wagte ich also die ersten Fahrten zur Arbeit,


Was übrigens mit dem Moment schlagartig einfacher wurde, da ich in dem Weltraumgerät von überfrachteten Lenkrad den Schubhebel identifizierte, der die Kräfte beim Anfahren ich glaub um gute 80% verringerte. Aber er kam eben auch nicht im wackeligen Anleitungsvideo aus dem letzten Kapitel vor, und es sind wirklich viele Dinge im Lenkrad untergebracht, vor allem für ein Greenhorn:

volant.jpg


Die Fahrten zur Arbeit: Immer mal wieder hakte es zwar etwas, doch mit vorsichtigem Rückwärtstreten löste sich das Verhakte wieder (Oftmals auch die Kette, die dann nicht auf, sondern neben den Pulleys lief,) und ich bekam ein gutes Gefühl dafür, die Kette an Ampeln wieder händisch und blind auf die Pulleys zu legen, bis es dann wieder ein paar Kilometer später wieder irgendwann hakte. Aber so waren immerhin zwei Wochen Fahrt mit öligen Fingerchen möglich, ehe die endgültige, und „bulletproof“-Lösung von NLM kam:

Was tun, wenn sich die Pulleys ständigverhaken und die Gewindestange zu dünn ist? Lass die Pulleys zugunsten glatter Kugellager weg, und nimm 8mm Gewinde aus stärkerem Stahl...
NLM new Chainguidance.jpg

„feel free to install!“


Also wieder Picklerdreieck unters NLM,

Silikon weg,

Schrauben auf,

Gewindekonstruktion lösen


aufbohren...oh, der Bohrer passt ja gar nicht in die 15cm Bauraum
...
beim Nachbarn klingeln,

nach Winkelbohraufsatz fragen,

mit Nachbarn eine halbe Stunde über die Probleme dieses komischen Dreirads im Garten philosophieren,

mir anhören, dass Briten ja nur Scheiße konstruieren,

mich an meinen Onkel erinnern,

NLM in Schutz nehmen („Das ist eben Charakter, und ich liebe solche Puzzle ja“),

Schlagfertigkeit des Nachbarn abwarten („Na, wenn du puzzeln so liebst, warum hast du dann keinen eigenen Winkelbohrer?“),

ihm seinen Triumph gönnen und mit Winkelbohrer
zum Velobil (seufz...) zurückkehren,

aufbohren,
Neukonstruktion unter dem Sitz einbauen,

Neukonstruktion prophylaktisch auch an der Rendez – vous- Achse hinter der Abdeckung des Kofferraums einbauen
(denn Dan the Man hatte tatsächlich zwei verschiedene Exemplare der Kettenführungen geschickt wie ihr oben gesehen habt.)


Und dabei bemerken, dass die Zugseite und die Schubseite der Kette vertauscht gewesen waren, von Anfang an...


Hier muss ich wahrscheinlich ein bisschen was beschreiben:
Das NLM hat zwei Ketten: Eine verläuft über die Pedale, über die Pulleys unterm sitz (Jetzt Kugellager) auf hintere Pulleys hinter dem Kofferraum (Jetzt auch Kugellager) auf ein Kleines Ritzel auf einer kleinen Achse. Auf dieser Achse sitzt knapp daneben ein zweites Ritzel, auf dem die zweite Kette zum Hinterrad mit Schaltwerk und Gedöns führt, außerdem ist auf dieser kleinen Achse der Drehzahlsensor für den Motor.
(und diese kleine Achse, auf der sich zwei Ketten und der Drehzahlsensor treffen, nenn' ich eben Rendez-vous- Achse.
Keine Ahnung, ob das ein gängier Terminus ist, aber zumindest in Selbstgesprächen aus der Zeit wusste ich immer ,wovon ich rede;)

Jedenfalls lief die vordere Pedalkette schließlich von dieser Rendez-vous Achse entlang durch den (leicht angesägten) Kettensachacht auf den äußeren der Pulleys auf der kleinen Gewinde- Achse unter dem Sitz, ehe sie auf das Pedalritzel gezogen wurde, und über die Kettenspanner auf den inneren Pulley nach hinten zurück über das hinteres Ritzel auf die Rendez-vous-Achse geschoben wurde...


Und ich hoffe, ihr könnt euch das irgendwie vorstellen, an sonsten hilft vielleicht diese kleine Skizze bei der Vorstellungskraft:Sketch Pulleysituation.jpg

und wer in Physik aufgepasst hatte, weiß, dass auf dem äußeren Pulley nun die ganze Zugkraft der Pedale wirkte (ohne Schubhebel schon recht viel), wäre die Kette über den inneren Pulley gelaufen, wäre der Wirkhebel deutlich kürzer, die Belastung auf das Material deutlich geringer gewesen...
Was für ein AHA Moment, und was für ein Erfolgserlebnis, als ich dann die Kette richtig herum über die Kugellager führte und schließlich die erste Testfahrt mit dieser Überarbeitung absolvierte:

Traumhaft: das mechanische ruhige Klackern der Kette, die sanfte Schaltung, das Vertrauen, dass nicht gleich wieder alles kaputt gehen würde waren einfach unbezahlbar in dem Moment.

Doch würde die erste Fahrt zur Arbeit damit wohl warten müssen, denn inzwischen war der kalte November eingetroffen, vom Kriechen im Kofferraum tat mir der Rücken weh, und eine fiese Erkältung hatte mich erwischt.

Aber 5 Wochen Schrauberei, und das mulmige Gefühl einer jeden Fahrt, ob ich denn heil zum Ziel käme gingen damit endlich ihrem Ende entgegen ..zumindest vorerst...
 
Zuletzt bearbeitet:
Hach wie schön, noch jemand der ein fertiges Velomobil bestellt hatte und einen Selbstbauverbesserungskasten bekam.
Er ist nicht allein
Mal im Ernst als (relativer) Neuling gefragt:
Wie häufig kommt so was vor?
Und danke für den Kommentar.

Ich dachte zeitweise echt, was ich für ein Depp sei, mir das einzige nicht fertig konstruierte VM zugelegt zu haben
 
Hach wie schön, noch jemand der ein fertiges Velomobil bestellt hatte und einen Selbstbauverbesserungskasten bekam.
Verbesserungen sind ja das eine, häufig auch sehr subjektiv. Dass man aber ein Fahrzeug bekommt, bei dem man erstmal den Antriebsstrang komplett neu erfinden muss, ist schon ein starkes Stück.

Ich bin da weitgehend bei @Delorean 's Onkel ;) , wünsche aber trotzdem viel Spaß mit dem Gerät.

Gruß Fetzer
 
mir anhören, dass Briten ja nur Scheiße konstruieren,
Sind da eigentlich metrische oder höllische, äh zöllige Schrauben verbaut - oder sogar beides?
Das NLM hat zwei Ketten: Eine verläuft über die Pedale, über die Pulleys unterm sitz (Jetzt Kugellager) auf hintere Pulleys hinter dem Kofferraum (Jetzt auch Kugellager) auf ein Kleines Ritzel auf einer kleinen Achse. Auf dieser Achse sitzt knapp daneben ein zweites Ritzel, auf dem die zweite Kette zum Hinterrad mit Schaltwerk und Gedöns führt, außerdem ist auf dieser kleinen Achse der Drehzahlsensor für den Motor.
(und diese kleine Achse, auf der sich zwei Ketten und der Drehzahlsensor treffen, nenn' ich eben Rendez-vous- Achse.
Vermutlich hätte der Begriff "Zwischengetriebe" einige Maschinenbauer schneller auf die richtige Fährte geführt. Aber bleib jetzt bei Rendezvous-Achse, dein britisches Gefährt braucht seinen eigenen Stil. :)

Einer 5mm-Achse würde ich auch bei richtig geführter Kette nicht trauen, jedenfalls kenne ich für Zugtrumrollen sonst 8mm oder 10mm, auch wenn der Hebel klein ist. Ausnahme sind diverse Flux-Modelle mit 6mm, aber da ist der Umlenkwinkel (und damit die Kraft) sehr klein.
Wenn die nackten Kugellager nicht aus Platzgründen drin sein müssen, kannst Du mal schauen, ob zahnlose Zugtrumrollen leiser sind.

Hat NLM dich eigentlich schon gefragt, ob Du den Deutschland-Vertrieb oder die weitere Entwicklung übernehmen willst? ;)
 
@Delorean danke für deine schöne Berichte, es macht Spaß deine erfahrungen zu lesen.

Und ja, es ist nicht normal ein neues gekauftes Velomobil zu modifizieren weil der Hersteller etwas falsches eingebaut hat. Aber es ist halt so, man muss manchmal die Armen nicht sofort nach unten halten.
Im PKV bereich erwischt man halt manchmal auch ein Montags Wagen...

Aber du hast den Mut nicht verloren, hast immer eine nach der andere lösung gesucht um dein wunder schönen NLM wieder in betrieb zu stellen.

Und wenn es wieder OK ist, bin ich sicher daß du noch mehr Freunde hast am fahren weil du etwas persönliches drin entworfen hast.

Und nicht vergessen, die Britten haben auch wunderwerke entworfen, sei es in der Aviatik, Venom, Hawker Hunter, Rolls-Roys usw.
 
Kapitel 4

"Was zum Arsch...?!"

Mit solchen Worten, noch durch eine restverschnupfte Nase, sollten wohl keine Fahrten beginnen, erst Recht keine Testfahrten, aber irgendwie sollten in dieser Herbstzeit alle Fahrten mehr oder weniger zur Testfahrt werden.
Nach der Startprozedur: Batterieschalter an, knopf drücken zum einschalten des Displays (und damit Motors) lächelte mich mit einigen ungewollten Displaystrichen in bunten Farben das Display an.
Sicher, alle Informationen, waren noch klar ersichtlich. Sogar das kleine Handbremssymbole und die 16 celcius (+-3), die in der Umgebung lagen, aber es gab unmissverständlich wieder "Issures" in Form eines Displaypixelfehlers.
Displayfehler.jpg

Da ja Perfektion bekanntlich Aggression schafft, nahm ich den Fehler resillient hin, schließlich war es kein fehlendes Rad oder -Klopf auf Holz- die Kette.
Also auf zur Arbeit.
Die Fahrt verlief reibungslos und das Display störte nicht weiter. Die paar bunten Zeilen ergaben viel eher eine schöne separierungslinie zwischen den Kilometerständen und Zeiteinheiten, redete ich mir schön...
BĀMM!
Zwar wusste ich zu diesem Zeitpunkt
ziemlich genau, dass ich mit 17,6Km/h unterwegs war, aber so plötzlich wieder auf 0 zu entschleunigen, erschreckte mich neben dem Lärm dann doch

Da ich kein Chamäleon bin, das in zwei Richtungen synchron blicken kann, war mir ein Poller entgangen, der Aus dem Nichts mit dem rechten Rad kollidierte.
Eigentlich wäre der Partner-Poller links weit genug weg gewesen, dass die Formelräder vorne gut hindurch gepasst hätten, aber tja..
Ich hüpfte also raus und sah mir den Schaden an.
Im Kopf wieder Mal ein LkW mit Kran, der ein britisches Wrack auf seine Ladefläche hiefte. Ein grimmiges Klemmbrett, ihr kennt das ja, aber weniger Styropor.
Zu meiner Verblüffung sah ich nur eine kleine Schramme im Aerocap -diesen schwarzen Ringen, die die Reifen breiter erscheinen lassen und mit dem Rad mit drehen- aber die könnte ich mit dem Hemdsärmel praktisch weg polieren.
Achsschenkel und Battfedern so intakt, wie sie vorher waren.
Nur der kleine flexible Blinker guckte wieder ein bisschen schief in die Gegend, aber der war schnell wieder etwas gerader an seinen Arbeitsplatz gesetzt, ehe ich unbeschwert aber mit doppelten Auge auf derartige Hindernisse, die Fahrt zur eigenen Arbeit fortsetzte.
Den Kindern, die gerade auf dem Schulhof herumwuselten, als ich eintraf entging das Vehikel zum Großteil, da die Einfahrt im hinteren Teil des Hofes liegt, aber die wenigen, die es sahen, reagierten unterschiedlich:
Angewurzeles Erstarren, "ein Baby-Auto!" Und " Was ist das?" waren die drei prominentesten Reaktionen.
So kam ich lächelnd trotz allem zur Arbeit. Displayfehler und Kollision waren vergessen.
...
In Neukölln scheint es diesen bauernschlauen Trick zu geben Parkgebühren zu sparen, indem man einfach mit Warnblinkern auf dem Fahrradstreifen steht.
Seit moderne Autos mit LED Lichtern fahren, saugt das Dauergeblinke auch über Stunden die Autobatterie nicht leer.
Profis in Sprinter öffnen vielleicht noch eine Hecktür zum leeren Kofferraum.
Sollte sich dann tatsächlich mal das Ordnungsamt blicken lassen, lade man ja nur schnell was aus und sei gerade fertig geworden..
Konsequenz aus diesem Trick ist, dass man auf den großen neuköllner Verkehrsadern ständig vom Fahrradweg auf die straße ausweichen muss...selbst die rücksichtslosesten Radler fliehen hier nicht auf den Gehweg, da die vielen kleinen urbanen Läden, Cafés und Barbiere ihre Ware und etwas Sitzgarnitur vor den Etablissements als Serviceleistung verstehen und damit keinen Platz lassen für derartige Rüpel auf Rädern.
Die leben es dann eben auf der Straße aus, denn eingefleischte neuköllner Autofahrer sind-um mal eine Lanze zu brechen- freundlich und aufmerksam: nirgendwo sonst kurbelt der Elektromotor so oft die Beifahrerscheibe des AMG neben dir herab und startet ein interessiertes Gespräch. Wobei die Eingangsphrasen immer eine Variation sind aus "Was ist das?" "Geile Karre, nich nie gesehen", und "wie teuer?" Ist.
Auch beherrschen hier die meisten das Reißverschlussverfahren, und lassen dir als tiefes Velomobil gleichberechtigt die Vorfahrt wo es sich geziehmt.
Gut, zum Feierabendverkehr ist es hier so zähfliessend, dass niemand hier schneller fährt als 30 um nicht im BMW des vordermanns zu enden.
Heißt aber auch: einen wirklichen Verkehrsvorteil hat ein Velomobil hier nicht, wenn es so breit ist wie ein northern light:
Die Lücken sind zu eng, da quetschen und flitzen nur die Eingangs erwähnten Radler durch, so steht man hier streckenweise genauso im Stau, wie ein Auto.

Auch spielte ich nach Feierabend um 4 mit dem Gedanken, mir eine Sonnenbrille zuzulegen, für die dunkle Jahreszeit:
Das tiefe Sitzen unter dem Glasfaserdach, mit dem kleinen Sichtausschnitt lässt doch derart viel Scheinwerferlich hinein, dass ich das ein oder andere Mal den Kopf etwas anheben muss, um eine Art Sonnenblende aus dem Dach zu machen.
Das geht natürlich auf Kosten der Fernwahrnehmung, aber das tun fremde Xenon Scheinwerfer auf Augenhöhe auch und sind weniger gnädig mit den Augen als Schatten.

Eine Andere Unbequemlichkeit stellte ich in dieser Anfangsphase fest: da diese Velomobile ja allesamt Liegeräder sind, und ich gerne meinen Krempel in den Hosentaschen unterbringe, neigen meine Hosentaschen dazu, diesen Krempel nach und nach beim Treten aus den Taschen zu entlassen. Und da die Wanne wunderbar glattflächig und groß ist, bekommen Schlüssel, Feuerzeuge, Handy , Taschentücher und Tabak genug Auslauf während der Fahrt, doch sie dann nach der Fahrt wieder einzufangen wenn sie ganz vorne vor den Pedalen grasten, geriet mit durchschnittlichen Armen zu einer Vverspannungsfördernden Streck-Arbeit.
Meine Frau, die Gute, zauberte kurzerhand ein paar Filzschüsseln aus dem Krams-Schrank (einer dieser Monate zurückliegenden Spontankäufe -"das kann man immer mal gebrauchen"-die ich bis dato stets ein bisschen belächelt hatte)
die mit 3M Filzklebchen fortan prima Stallungen für den freilaufenden Tascheninhalt wurden. mein erstes, bequem zu installierendes Upgrade das bis heute problemlos und stumm seinen Dienst tut.
Filzschüsselchen.jpg
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Ich sollte für den Rückweg eine andere Route suchen und vielleicht mehr Parks in die Route integrieren...doch dass musste ersteinmal warten,
schien sich der Pixelfehler im Display bei den übrigen verbliebenen Zeilen Recht schnell rumzusprechen, so könnte ich am Ende des Tages gar nichts mehr vom Kilometerstand erkennen, und auch die Momentanleistungsanzeige war bunten Linien gewichen.
Jetzt keine weltbedeutenden Anzeigen für mich. Solange ich Tempo, unterstützungsstufe und Restbatterie erkennen konnte...dennoch schrieb ich Dan the man mit dem Foto des Displays, er versprach ein neues zu schicken, nein, für umsonst natürlich (bis auf die obligatorischen 14 Euro Brexitgebühr, die auch schon die "bulletproof" Lösung bei Lieferung an den braunen UPS Mann gekostet hatte .)
Die Route von Schöneberg über neukölln zum Plänterwald im Osten genoss ich die Tage also weiterhin als Mitglied einer Verkehrskolonne, jedes Mal ein kleines Stück näher an der Überwindung des Schweinebunds, mir neben Alltagspflichten und Arbeit kleine Zeitinseln zu nehmen, in der ich eine neue Route zusammenzustellen würde, die es dann doch in sich hatte...
 
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