Glanzstücke der Schweizer Liegeradbaukunst

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Liegerad
Peregrin
Für das Peregrin gibt es seit anfang Jahr einen grossen Koffer von Birk.
Dass der Heckkoffer nun eeendlich da ist, freut natürlich mich als Entwickler des Peregrins ganz besonders, ist aber mehr dem Durchhaltewillen einzelner als vorausschauender betriebswirtschaftlicher Planung zu verdanken. Silvan Schuler, hatte ihn 2011 als Maturaarbeit an der Steinerschule mit Hilfe von SolidWorks entworfen. Gross, transport- und reisetauglich, trotzdem kompakt und ausserdem aerodynamisch sollte er sein. Weil Peregrin und Birk Comet dieselbe Sitzformm haben, war auch Jürg Birkenstock für eine Projektzusammenarbeit zu begeistern.



Auf CAD folgt CAM, sofern man denn das nötige Kleingeld zur Hand hat. Wir dagegen machten geflissentlich einen längeren "Sponsorenlauf", eine virtuelle Odyssee zu den einschlägigen Abteilungen mittelgrosser Firmen und deklarierten die Finanzierung des Koffers ehrlich als "Venture Capital", was diese dann mit "a fond perdu" übersetzten.

Glücklicherweise erklärte sich die nette Firma mit der grossen Fräse bereit, die Negativformen zum halben Preis aber ohne terminliche Auflagen aus dem Vollen zu hauen. Silvan, Erwin und ich sahen uns nun veranlasst unsere HPV-Sparschweine zu schlachten (ich war damals noch nicht Vegetarier).
Als die gefrästen Blockformen endlich den langen Weg zu Speedbikes.ch in die Werkstatt gefunden hatten, war Erwin von einer weiteren Südafrikareise ohne Heckkoffer zurück und Silvan hatte nach seinem Zivildienst ein Architekturstudium begonnen.

Äusserlich staubig aber innerlich gereift mühten wir uns so manche Stunde unter Jürgs Götterblick ab, die vermeintlich glatte Oberfläche mit 400er - 600er - 800er und 1000er Schleifpapier asymptotisch zu vervollkommnen. (Unser Dank gilt auch @Speedballs, Arion, Affi und weiteren Kollegen)



Das Versiegeln der mikroporösen Oberflächen ist für Produktionsformen besonders wichtig, und musste von Jürg noch optimiert werden. Der erste Koffer - für Silvans Peregrin entstand schliesslich unter Anleitung eines Technikers der Ausrüsterfirma im Infusionsverfahren. Da dieser Prozess nicht die erhoffte Zeitersparnis, aber etwas mehr Gewicht brachte werden die Kevlarlagen aktuell von Hand getränkt und mit normalen Vakuumsäcken laminiert.



Seit der diesjährigen Speckwegtour besitze ich meinen eigenen, signalorangefarbigen Heckkoffer, der sich mühelos -Deckel-auf-Deckel-zu- bepacken lässt.



Der Koffer wiegt lediglich 1650 g und ersetzt meine 20 l Ortlieb Reissverschlusstasche (700 g), Gepäckträger (300 g), 5 Liter Seitentasche, Bach (150g) und die Flaschenhalterung (80 g)! ...man rechne selbbst! Das stabil mit der Sitzschale verschraubte Heckteil kann mit diesem für den Bahntransport mühelos nach vorne verschoben werden. Dadurch bleibt das Peregrin unter der ominösen IC-Zug-transportablen 2-Meter Grenze.

Nach anfänglicher Skepsis hat mich der Koffer auch im Alltag überzeugt:
- 80 Liter sind ideal für Wocheneinkäufe und "schlucken" selbst riesige Sporttaschen (mehr Stauraum als bei manchem VM) und für ganz sperrige Frachten kann man den Deckel ganz abnehmen.
- das Leuchtorange ist gut erkennbar. Autofahrer begegnen einem mit gehörigem Respekt,
- die Fahrgeräusche bleiben dank Kevlarmaterial und gewölbter Form selbst auf Pflastersteinen erträglich.
- die breite Auflage für die Schultern ist nicht nur bequem bequem sondern stabilisiert das Liegerad zusätzlich.
und: der Koffer mit "Kammheck" reduziert die Antriebsleistung in der Ebene @40 km/h um 12%.

Wurde da eine rassenreine, eierlegende Wollmilchsau geboren? Für mich schon. Was man sicher sagen kann: Silvans Heckkoffer richtet sich gleichermassen an anspruchsvolle Touren- und Alltagsfahrer und Brevetisten die noch mehr aus ihrem Peregrin oder Birk Comet herausholen wollen, alles Leute, die sich mehr auf sorgfältige Modellpflege als auf vollmundige Ankündigungen verlassen.

P.S. Mittlerweile gibt es fürs Peregrin schon viele gute und erfolgreich erprobte Transportlösungen wie Einkaufskörbchen, 20 Liter-Reissverschlusstasche, die superschönen Rolltaschen von @2Fast, aber auch ganz individuelle Lösungen für Fahrradtaschen oder Kindertransport im Anhänger.




Selbst Transportlösungen für Traktionsbatterien seien in Erprobung, vernimmt man aus der Entwicklungsabteilung...

Peregrin mit und ohne Heckkoffer werden durch speedbikes.ch in Jona gebaut und verkauft. Wer mehr über die Entwicklung des Peregrinkoffers und die Überlegungen dahinter nachlesen möchte, findet mehr auf unter velomobil.ch

Carbono (alias Aramid)
 

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Reinhard

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@carbono : bitte zum Bild-im-Text einfügen die Buttons in der Anhangsliste benutzen, nicht via Drag & Drop … (das nur zum Hochladen).

Auf dem Bild mit den Peregrins mit den Taschen wirkt der Koffer schon recht groß … "Monstermäßig" war mein erster Gedanke. Aber wenn es funktioniert … ;).
 
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Hmmmm, das Heck. Hmmm. Das ist schon sehr speziell ;)

Hach, hach, ... macht doch mal einen Highracer, Ihr lieben Schweizer!
Den Highracer gibt es doch schon, Walter Berger sei Dank.

Der Koffer ist echt gross, wenn man bloss Peregrin und Koffer betrachtet optisch wirklich sehr sehr speziell und sehr dominant, Liegevelos sind ja ohnehin schon unsichtbar:cool:

Mit Fahrer stimmt es von den Proportionen her besser.

In der Grösse sehe ich auch einen Nachteil.

Mit den Originaltaschen von Ortlieb wird man quasi zu Minimalgepäck gezwungen und die Packung wegen dem Reissverschluss oft mühsam.

Mit der optimierten Edeltaschenversion von @2Fast kann man sich etwas mehr Luxus gönnen und das Handling ist massiv einfacher.
Dank dem Rollverschluss kann man auf Tour in der Bäckerei auch mal ein Baguette kaufen und problemlos einige KM bis zum Picknick mitnehmen.

Bei dem Koffer würde ich in Gefahr laufen den halben Haushalt mitzunehmen...

Die Farbe kommt auf den Bildern übrigens nicht voll zur Geltung, @carbono wird sich wohl noch lange die Sprüche bezüglich Augenkrebs etc anhören müssen.:whistle:
@Reinhard Bei Monster und Orange muss ich an die Muppet Show denken: Elmo!!!, Charly, das wäre doch ein Name für dein Peregrin.;)

Wer dieses Heck übersieht der würde wohl auch eine Strassenbahn geladen mit Elefanten übersehen! (ja, ich weiss, auch das soll es geben...)

001.JPG 010.JPG 026.JPG
 

roland65

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Ein gut durchgeführter Rolltest sollte zumindest im Bereich von +-2% zeigen, was ein Koffer aerodynamisch leistet. Das muss ich bei mir auch in Kürze machen, habe aber natürlich etwas andere Bedingungen durch andere Verkleidungstteile. Allerdings erwarte ich mir bei meinem eher weniger als 10%, weil nicht die Aerodynamik, sondern das Design im Vordergrund stand.

VG, Roland
 
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diese Rolltaschen - auf 20" hinterrad - finde ich ja genial !! erscheint mir sehr praktikabel und sollte tollen Zugriff auf alles ergeben...
 
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Ein gut durchgeführter Rolltest sollte zumindest im Bereich von +-2% zeigen, was ein Koffer aerodynamisch leistet.
Um die aerodynamische Effizienz offener Fahrzeuge zu messen braucht man ein Powermeter. Ein Rolltest liefert nur brauchbare Ergebnisse, wenn man die Beine so bewegt, wie man es unter Last tun würde.
Ich weiß, das @carbono messen kann, ich bin trotzdem sehr überrascht, das der Koffer so viel bringen soll, vor allem wenn man bedenkt, das eigentlich nur gute Rennhecks über 10 % bringen und andere Koffer auf den Markt eher aerodynamisch neutrale Gepäckmitnahmemöglichkeiten sind.
 
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Zugegeben ich muss mir den Koffer schöngucken :D ...
Hmmmm, das Heck. Hmmm. Das ist schon sehr speziell ;)...
...Auf dem Bild mit den Peregrins mit den Taschen wirkt der Koffer schon recht groß … "Monstermäßig" war mein erster Gedanke...
...Bei Monster und Orange muss ich an die Muppet Show denken: Elmo!!!, ...;)
Ich kann euch verstehen...

"Form Follows Function" (oder hier eher: Function Explains Form) ist erst gegeben, wenn das Peregrin mit Heckkoffer fahrend gesehen wird. Parkiert ist die Fuhre nicht sofort als Liegerad zu erkennen. Aber Hand aufs Herz. Wer ausser uns findet Liegeräder überhaupt sexy? Worans liegt, zeigt folgendes Gedankenexperiment: Wie waren denn eure Gefühle, als ihr das erste Mal einen Smart auf der Strasse gesehen habt? -Und jetzt 20 Jahre später?
Zugegeben: Mir hat der Heckkoffer auch nicht auf Anhieb gefallen, aber ich gewöhne mich immer mehr an seine extravagante Grösse und Form und freue mich an den begeisterten Kommentaren von kleinen Kindern, deren stylistisches Empfinden noch nicht konditioniert ist und den sinnigen Erklärungsversuchen ihrer Eltern.
 
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