Brevet Flèche Allemagne 2022

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Ich will gerade unseren Team-Chat mit einer "Ist alles ok"-Frage füttern, als just in dem Moment ein "Kette abgeflogen, wird etwas dauern ...." aufpoppt. Und vier Minuten später "Kette ist gerissen ....".
Au weia. Ruckzuck wenden wir unsere VMs und rollen den Hügel wieder runter. Ungefähr auf halben Weg finden wir einen recht verzweifelten Ingo neben, unter oder halb in seinem Quattrovelo. Die Enden der Kette hatten sich mit dem Schwung des Risses "fröhlich" durchs Fahrzeug bewegt und ihren Bestimmungsort erheblich verlassen. Und das QV hat eine "interessante" Kettenführung. Norbert und Ingo versuchen ihr Möglichstes, ich fungiere als Lampenhalter und Werkzeuganreicher.

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Irgendwann begebe ich mich auf eine Expedition "unter ins Dorf", ein Stück möglichst steifen Draht zu ergattern. Unten lief ein Feuerwehrfest! Wer, wenn nicht die Feuerwehr könnte uns nun noch helfen?! - Es findet sich tatsächlich eine Rolle etwas zu dünnen / flexiblen Drahtes und auch ein Stück recht festen Drahtes. Jubilierend pedaliere ich wieder aufwärts. Aber das QV bleibt verhext. Leitrollen werden ausgebaut, Bodenabdeckungen demontiert, Schleifen aus der Kette entfernt, ... allein, das Drecksding von Kette bewegt sich nicht in die richtigen Richtungen. Der Endgegner bleibt dann die Verhaspelung von Kette und dem Umwerfer-Konstrukt. Nach mehr als 3 h Trial & Error und angesichts heraufziehender Dunkelheit greift Ingo zum Telefon und aktiviert seinen Schutzbrief.
Als er die Zusage hat, dass er in ca. 45-60 Minuten abgeholt wird, schickt er uns zurück auf die Strecke.

Auf! Auf! 3 h Panne sind einerseits eine nicht unerhebliche Zeithypothek, ... aber andererseits lagen wir bis dahin sehr gut im Zeitplan. Und da wir gut erholt sind, brauchen wir an der nächsten, schon nahe gelegenen Kontrolle, keine großartige Pause einlegen. Schnell ist Einbeck erreicht - die Kontrolladresse ist direkt an einer Kneipe. Wir erzeugen das übliches große Hallo! Warum? Woher? Wohin? Was ist das? Fahrrad? Nach Eisenach noch? Boah! ;-) - Die wohl wirklich freundlich und ernsthaft gemeinte Einladung auf ein Getränk müssen wir dieses Mal leider ablehnen, wir wollen weiter.

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Warum wir überhaupt noch die Kontrollen erfassen, wissen wir wohl selber nicht so genau. Nur noch zu zweit unterwegs fallen wir eh aus der Team-Homologation und eine Einzelwertung gibt es beim Flèche nicht. Aber egal, wir sind weiter im Sinne der Reglements unterwegs.

Die nun folgenden 40 km bis Göttingen fahren wir richtig gut. Wie schon bis Einbeck fahre ich als "Lahmsack" vorn und Norbert hängt mir mit angemessenem Abstand am Heck. Ich versuche, mich nicht allzu sehr dem Trödeln hinzugeben und halte zwar den Puls im Blick, aber ansonsten den Fuß halbwegs auf dem Gas. Und so reicht es - trotz ansteigendem Gelände - für einen 30er-Schnitt bis zum McD, der als Kontrolle und Ort für eine längere Pause auserkoren war. Und die Pause war notwendig, weniger wegen der Beine als wegen der nun mal so langsam notwendigen größeren Füllung der Energiespeicher.

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Noch beim Schießen des Kontrollfotos, fühlt es sich an meinem linken Fuß plötzlich so komisch an. Au weia!

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Was nun? Niet an der Ferse und Verklebung haben den Geist aufgegeben. Vorn hängt die harte Carbon20220502_154928294_iOS.jpg-Sohle an recht weichem Vorschuh-Gewebe und noch ein wenig Kleber. Ich bin - sicher durch die leichte Unterzuckerung - längere Zeit wie gelähmt und hadere mit mir selbst und den geringen Chancen, mit diesem Schuh noch zur Wartburg (geschweige denn zurück!) zu kommen. Aber warum habe ich denn diese schicke Nitto-Tape in der Werkzeugtasche? Ok, das will ich gleich versuchen. Aber erstmal bestelle ich mir dann doch noch Kaffee, Cola, Veggie-Burger (oder wie auch immer sowas bei McD heißt ;-)) und frittierte Kartoffelmehlstäbchen. Während der Nahrungsaufnahme sortiert sich mein Geisteszustand dann auch so einigermaßen. Leider ist es kein 24 h McD und so werden wir kurz vor 1:00 freundlich gebeten, die Lokalität zu verlassen. Naja, es passt so einigermaßen vom Zeitplan. Flaschen werden noch befüllt. Sachen zusammen gekramt. Die Reparatur des Schuhs findet dann draußen statt. Und ja, das hielt, die ganze restliche Reise über.

Von Göttingen an bewegten wir uns dann auf den größeren Straßen. Es geht doch nichts über eine fast fahrzeugleere breite Bundesstraße mit perfekten Asphalt. Breites Velomobil-Grinsen auf den Abfahrten. Lässiges Ertragen der Steigungen mit 60/39; geschlumpft habe ich nur selten. Die Steigungen sind lang und eklig, aber nur mäßig steil. Das geht schon. :)
Zwischen Witzenhausen und Bad Soden Allendorf gönnen wir uns nochmal eine 20-minütige Pause. Man muss ja auch mal Quatschen (VM-Fahrten sind leider, leider wenig kommunikativ ...).
Weiter überwiegt die Freude an den schönen fluffigen Abfahrten im Scheinwerferlicht die "Qual" der Anstiege (die in Summe natürlich mehr Zeit beanspruchen). Aber ich fahre weiter Stumpf nach Leistung und Puls und lasse mich nicht zum Überpacen hinreißen. Irgendwo hinter Ulfen dann - den Flow einer weiteren Abfahrt rigide unterbrechend - Baken, Baken, Schilder, Baken. Vollsperrung. Whaaaaat? Was nun? Wildes Zoomen in Karten ergibt: ok, wir folgen der Umleitung. Wir befürchten nun, dass wir entweder gaaaaanz um den Berg herumfahren müssen oder gar gaaaaaaanz üüüüüüber diesen Berg hinweg fahren müssen. Aber es ist viel einfacher. Es gibt zwar einen kleinen Umweg von ca. 6 km, aber schlussendlich fahren wir einfach etwas früher als geplant ins Flusstal runter (easy rolling) bis Wommen und folgen dann der sich schlängenden Werra bis zu unserer 7:00 Uhr Kontrolle in Gerstungen. Und was liegen wir gut in der Zeit! - Wir parken unsere Wohnwagen auf dem Bahnhofsvorplatz und haben nun fast 2 h Ruhezeit. Und eine kleine Mütze Schlaf ist im M9 definitiv keine Problem. Ausklicken, Beine durchstrecken, etwas im Sitz runter rutschen. Jacke über den Oberkörper legen. Und nach 20 h auf der Straße schlafe ich dann auch selig ein.

Halb sieben! Norbert hat seine Ein- und Ausbau-Küche aktiviert! Kaaaaaffeeeeee! Dazu noch ein Hausmacher-Riegel (Stulle! ;-)) aus 20220501_043953117_iOS.jpg20220501_050100339_iOS.jpgdem Futterbeutel und schon trennt uns nur noch das Kontrollfoto von der letzten, kurzen Etappe.

Wir fahren nun bis Wommen "zurück" und folgen dann dem altbekannten Weg über Hörschel, Stedfeld, am Opel Werk Eisenach vorbei in die Stadt. Noch in Gerstungen hatten wir ein Aufrecht-Team getroffen, mit dem wir uns auf dem Weg nach Eisenach nun abwechselten.




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Tja, und dann waren wir auch schon in der Stadt und das große Finale wartete: die Auffahrt zur Burg. Angst und Schrecken! Mein gutes altes Troytec hatte ich bei den vorherigen Ankünften immer über weite Teile schieben müssen. Aaaber: meine Gold-Aubergine hat ein Schlumpf! Und umkippen kann sie auch nicht! Also Schlumpf voraus! - Boah, aber ich hatte noch meine viel schichtige Nachtkleidung am Körper. Anhalten ist in 16% aber auch irgendwie kein Thema und so kurbelte ich angestrengt (trotz Schlumpf) vor mich hin und drohte den Hitzetod zu sterben. Aber Rettung war in Sicht. Da gibt es diese eine flache Stelle mit nur 2%, ... da wird ein Anhalten und wieder Anfahren möglich sein. Erreicht, gesagt, getan. Kaum waren zwei Schichten vom Körper gerissen, fühlte ich mich gleich viel wohler. Kurbeln. Kurbeln. Kurbeln! Was macht der Fotograf da? Ahhh, oben! Super! :) - 8:30 Uhr - pünktlich wie die Maurer.

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Ich war dann aber doch ziemlich fertig und hatte für großartige Zielfotografierei keine Motivation. Mehr Bilder gibt es bei dem anderen VM-Team (das nach Luxus-Nachtquartier) sogar nach uns ankam (was mich echt gewundert hat). Ach ja, ... traditionell gab es natürlich für jeden, der im Ziel eintrudelt, die Flèche-Medaille! Immerhin.
Nach freundlichem Hallo und Wiedersehen mit Bekannten und Radfreund*innen machten wir uns dann irgendwann bzw. recht bald auf unseren Rückweg. (Doch dies ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.)
 
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Naja, ich hatte damit gerechnet, dass Ihr vor uns da sein dürftet, da Ihr allesamt stärkere Fahrer als ich sein dürftet :) - Oder lag Eure 7:00 Uhr Kontrolle soviel weiter weg als unsere? (Aber das habe / hätte ich auf der Burg auch sicher nicht im Kopf gehabt ;-))
 
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Oder lag Eure 7:00 Uhr Kontrolle soviel weiter weg als unsere?
Die Abfahrt von der Pension war so abgestimmt, daß kurz nach 7:00 an der Kontrolle in Gotha waren (diese Tanke macht erst um 7:00 auf). Ich hatte die Kollegen darauf hingewiesen, deshalb eine Stulle für das Frühstück in der Pension aufzuheben und an der Kontrolle gleich weiterzufahren. Aber drei der Herren waren blank und so sind wir erst um 7:30 nach einem Frühstück von der Kontrolle weg.
 
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