Erfahrungen mit dem A9.2

Samstag, 4. Juli 2026, Besançon – Dole, 64 km

Die Autofahrt von Bern bis zum TGV-Bahnhof ausserhalb Besançon dauert etwa 2 ½ Stunden, dort hat es einen Langzeitparkplatz unter den Bäumen. Um 10 Uhr werden Velomobil und Velo beladen – alles dabei, nichts vergessen. Die ersten 20 km Richtung der Voie bleue am Doubs geht hinauf und hinunter. Wir merken, wie warm es nach 10 Uhr bereits ist. Unten am Fluss kennen wir die Strecke schon, wir kurven mit dem Fluss Dole entgegen, das Tal weitet sich immer mehr. Diese Strecke ist ein Genuss und die Einfahrt in Dole ist beeindruckend: kurz wird der Fluss resp. Kanal zu einer von riesigen Platanen gesäumten Allee, und dann öffnet sich unvermittelt rechts oben der Blick auf die Stadt mit dem markanten Kirchturm. Gefolgt von der steilen Anstieg hinauf in die Altstadt, 15% in der nun schon heissen Sonne. Kurz aber sehr knackig.

Der erste Tag ist immer speziell. Eben von «ist alles dabei?», zu «wie läuft es mit dem vollbeladenen VM und wie muss ich die Kräfte einteilen», über die schon lange nicht mehr benutzte Navigation (mit dem ersten Verfahrer nach kurzer Zeit), einer Sperrung der Veloroute – die Nervosität überdeckt vieles von dem, was ich an dieser ersten Etappe erlebt habe. Erst später erinnert mich Uwe an den Velofahrer, den ich im ersten Dorf locker überhole. Er fährt mit nur einem Bein, den Schuh am Pedal eingeklickt (mhm, besser, Du hast einen Plan für das nächste Rotlicht…). Es folgt eine Steigung, ich langsam, er schneller. Er holt mich – locker – ein, verlangsamt, grüsst freundlich, macht mir und meinem speziellen Fahrzeug ein Kompliment (dabei sehe ich, dass er auch nur noch ein Auge hat) und zieht dann davon. Wow, ich bin es, der ihm im Nachhinein Komplimente macht.

Die gesperrte Veloroute (potentiell 15 km Umweg mit x Höhenmetern) ist nur eine Brückensanierung, auf ihr verbleibt ein Fuss- bzw. Fahrradstreifen. Danach folgt ein Umleitungsschild (dazu passender Thread: «Was wollen uns diese Schilder sagen?». Wir stehen davor und überlegen, als uns ein Tourenfahrer entgegenkommt – die Route ist also offen. Ein Engländer indischer Abstammung mit dem Plan, bis nach Indien zu fahren. Er hat jetzt vier Wochen Ferien. Leider vergessen wir, nachzufragen, wie und wann und… . 4 Wochen? Wie weit ist es nach Indien, wie weit kommt man… usw.. Macht er das in Etappen? Wir werden es nie wissen.

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Dole ist eine dieser kleinen Städte mit Zentrumsfunktion, die zwischen Prosperität und wirtschaftlicher Ungewissheit schwanken. Eine hübsche, schön gelegene Altstadt (sehr sogar), lebendig, und mit einem für mich grossartig angelegten Platz rund um die Kirche. Dort haben wir im Mai beim Bäcker Kaffee und Croissant gekauft und uns von Morgensonne wärmen lassen. Dieses Mal übernachten wir im Nachbarshaus im zweiten Stock, direkt vor der Kirche.
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Sonntag, 5. Juli 2026, Dole – Ray-sur Saône, 91 km

Wir frühstücken natürlich wieder hier beim Bäcker. Los geht es einen langen Hügel hinauf, gefolgt von offenen Landstrassen, die Sonne heizt schon früh ein. Die nächsten Tage werden wir früher aufstehen müssen, losfahren gegen halb 8 ist zu spät.

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Nach 45 km sind wir das erste Mal an der Saône, der wir für weitere gut 100 km folgen werden. In Gray müssen wir einkaufen, unsere Vermieterin der Gîte in Ray hat uns gewarnt, dass es da ausser einem Restaurant keine Geschäfte gibt. Elf Uhr ist vorbei, im Supermarkt ist es kühl, und auch beim Kaffee unter den Bäumen ist es erträglich.

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Aber es geht noch zwei Stunden weiter und jeder Baum und jedes Wäldchen freut uns. Zum Abschluss der 90 km-Etappe gibt es noch einen Bergpreis, lächerliche 16 m steil das Dörfchen hinauf. Aber der Kreislauf hat seine Mühe mit den 36 Grad.
Die Dusche danach ist wunderbar, wir bleiben den ganzen Nachmittag drinnen in der einigermassen kühlen Wohnung. Das von der Vermieterin empfohlene Schloss mit seinem schönen Park oben auf dem Hügel lassen wir sein. Immerhin es hat meistens etwas Wind, und in der Nacht fällt die Temperatur hier noch unter 20 Grad.
 
Montag, 6. Juli 2026, Ray-sur Saône – Corre, 69 km

Man muss schon vorsehen in dieser Region, wenn es um Essen und Trinken geht, und die Einkaufsgelegenheiten unterwegs nutzen. Onroutemap.de finde ich ein praktisches Tool, weil es sowohl die Distanz als auch die Läden und Lokale an der Strecke anzeigt. So lässt sich eine Etappe gut zum Voraus einteilen. Aber die Daten basieren auf OSM-Einträgen und sind häufig veraltet. Eine von drei Bäckereien gibt es gar nicht mehr, Restaurants stehen schon lange leer. Noch dramatischer ist es bei den kleinen Läden und Epiceries, die es nur noch in Städten gibt. Es bleiben die Supermärkte. Lokales Gemüse? Frische Früchte? Mau.

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6 Uhr, die Sonne geht auf, wir fahren los.

Die 67 km von heute führen meist der Saône oder einer abgekürzten Schlaufe entlang. Wir werden immer wieder etwas beschattet, ein leichter Wind geht. Vor 7 Uhr haben wir uns auf den Weg gemacht und mit ein paar gemütlichen Pausen sind wir kurz nach 11 in Corre. Ein Ort mit viel Lastwagenverkehr, aber immerhin hat es eine gut ausgestattete Bäckerei, ein Restaurant, zwei weitere Geschäfte und am Hafen eine schöne Bank unter einem Baum. Den Nachmittag verbringen wir wieder in der erträglich kühlen Unterkunft und schauen Tour de France.

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Später wird mal eine Verkäuferin sagen, sie sei auch schon am Kanal gefahren. Aber das sei sooo langweilig. Find ich nicht.
 
Dienstag, 7. Juli 2026, Corre – Epinal, 67 km

Bei Corre sind wir von der Saône an die Corney abgebogen. Weiter oben wird der Canal des Vosges über viele Schleusen über den Hügel nach Epinal und damit in die Mosel geführt.

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Dies ist die bis jetzt schönste und angenehmste Etappe, ruhige Täler mit viel Schatten. Wir kommen mit der Hitze zurecht, Kräfte einteilen ist kein Thema hier (ich bin ja immer noch Neuling als Tourenfahrer).
Auf diesem ruhigen Streckenteil fliegen die Gedanken. Ich habe die Tourenfahrer im Kopf (und natürlich immer das Beispiel Uwe vor oder hinter mir), die mit viel Gepäck und einer ruhigen Pace grosse Distanzen zurücklegen. Auf diesem Streckenteil treffen wir ein Berliner Paar mit ihrem Kind im Anhänger, sie fahren die Strecke von Marseille nach Köln. Solche Bilder drehen sich in meinem Kopf und ich merke, dass ich mich schon auf die nächste Etappe morgen freue. Und auf die übernächste. Und weiter … Die Schönheit der langen Distanzen kannte ich in der Theorie, jetzt spüre ich sie in mir, spüre die hypnotische Wirkung der Windungen der Flüsse und Kanäle, spüre, wie die Schleusenstufen einen Takt geben.

Ich schaue mir selber zu. Was mache ich hier, und warum? Kurze Begegnungen, ein kleiner Austausch hier und dort. Fragen stellen, Fragen beantworten. Ich fühle mich verbunden mit der Landschaft und den Orten, durch die ich fahre. Damit auch verbunden mit den Menschen von hier. Es ist etwas anderes als das Grüssen unter Tourenfahrern, also unter Mitgliedern einer definierten Gruppe. Man grüsst sich, wie wir uns in den Bergen und auf dem Land grüssen: mehr ein gegenseitiges Erkennen, Anerkennen. Jetzt ist das Wetter schön und alles gut, aber man könnte mal froh sein, dass es noch andere Menschen hier gibt, und man würde sich gegenseitig Hilfe anbieten.

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Und schwupps sind wir, hinunter Richtung Epinal, auf der Terrasse der Bäckerei und ein Mann erklärt uns die Details und Schönheiten des Kanals und die Sehenswürdigkeiten der Stadt weiter unten.

Uwe fragt am Abend, ob ich wieder im Forum schreiben würde und ob ich mir dafür Notizen mache. Notizen mache ich bis jetzt keine, werde aber später Stichworte im Kalender eintragen. Klar will ich wieder von der Tour berichten, aber vieles wiederholt sich halt. Und ich weiss noch nicht, wie ich das beschreiben kann (oder will), was in meinem Kopf abgeht. Zum A9.2 gibt es sowieso nichts zu sagen, das läuft einfach super. Am Ende werde ich zweimal nachgepumpt haben und zuhause eine kaputte Speiche und einen durchgefahrenen Hinterreifen bemerken.
 
Mittwoch, 8. Juli 2026, Epinal – Nancy, 75 km

Die Strecke der Mosel entlang bin ich einen Teil gefahren letztes Jahr. Damals verzögerte Regen den Start, jetzt Probleme mit dem Navi bzw. der Route. Dann gehts los, zuerst kurz an der Meurthe resp. am Marne-Rhein-Kanal, dann wieder an der Mosel. Grün mit Schatten, schöne Route, dichter besiedelt mit mehr Industrie.

So die grosse Fabrik in Vincey: die schon lange stillgelegte Spinnerei/Weberei taucht unerwartet hinter den Bäumen auf, ein riesiger Backsteinkomplex mit sakraler Anmutung. Fasziniert rolle ich vorbei und versuche zu verstehen, was ich da sehe. Uwe, hinter mir, hält wenigstens an und macht ein Foto.

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Wikipedia – Bibliothèque multimédia intercommunale Epinal-Golbey

Das Gebäude vorne neben den beiden Kaminen wirkt wie eine Kirchenfassade mit ihrem riesigen Fenster, auf der anderen Seite der Fabrik ragt ein Turm mit einer Uhr auf und vervollständigt das Bild einer Kirche. Die Fabrik als Kathedrale, gewidmet dem Gewinn und der Macht, die Arbeiter sind die Schäfchen.

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In Nancy ist es natürlich sehr heiss, ich zeige Uwe das Zentrum mit der prächtigen Place Stanislas und wir picknicken im grossen Park.

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Bis Nancy ist mein schlauer Plan, in Frankreich den Wasserwegen entlang zu fahren, gut aufgegangen. Aber es wird am Vormittag immer früher heiss und ich spüre, wieviel Kraft die Hitze frisst. Spätestens um 11 ist genug gefahren, dann folgt das lange Warten auf den Sonnenuntergang irgendwo an der Kühle. Ich werde also meine Route anpassen und vor Metz direkt gegen Westen an die Maas wechseln. Und die Route vielleicht über Dijon ausdehnen?


Donnerstag, 9. Juli 2026, Nancy – Lac de Madine/Heudicourt, 87 km

In nördlicher Richtung geht es bis nach Pagny-sur-Moselle. Das Tal der Mosel gegen Metz ist nun etwas weniger attraktiv, parallel zu Bahn oder Autobahn. Eine erste unangekündigte Sperrung zerrt etwas an den Nerven. Von Pagny geht es gegen Südwesten über Thiaucourt an den Lac de Madine (Camping Option 1) , oder weiter bis Saint-Mihiel (Option 2). Eine zweite Sperrung bringt mich in die Höhe. Die Aussicht übers Land ist zwar schön, die diversen Steigungen unter der Sonne machen mich aber langsam.

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Buddhistischer Tempel Charey IMG_3795.JPG

Nun beginnt bei der Option 1 das Camping-Abenteuer. Das letzte Mal ist lange her. Das neue Zelt wird das erste Mal aufgebaut – es ist sehr leicht, aber auch niedrig. Sehr niedrig. Aber ich schlafe gut.

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Freitag, 10. Juli 2026, Lac de Madine/Heudicourt – Neufchâteau, 96 km

Ich starte heute erst gegen halb 8. Vom Lac de Madine bis an die Maas sind es 30 km, und von an dort bin ich auf der EV19, die teils der Maas und ihrem Canal de la Meuse entlang, vor allem aber auf ruhigen Überlandstrassen mit wechselhaftem Belag Richtung Süden führt. Der Himmel ist weit, Schatten rar, aber Schleierwolken brechen die Sonne ein wenig.

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Verdun ist nicht weit, ich habe Soldatenfriedhöfe passiert und in der Ferne Schlachtdenkmäler gesehen (heute früh das amerikanische Denkmal Montsec auf einem Hügel in der Ferne). Auf meiner Route wird die Nationalheilige Jeanne d'Arc aus dem 100-jährigen Krieg gefeiert, ein Denkmal und Jeanne d'Arc-Poller in Vaucouleurs, ihr Geburtshaus und Museum in Domrémy-la-Pucelle, und kurz danach eine Jeanne d'Arc-Basilika.

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Knapp 5 Stunden nach Abfahrt bin ich auf dem Zeltplatz von Neufchâteau, wieder bin ich ziemlich erschöpft, als ich ankomme. Der Empfang ist geschlossen, aber es hat viel Schatten, einen angenehmen Wind, und bequeme Bänke.

Kurz nach mir fährt ein Paar aus Hamburg ein, die vier oder sechs Wochen auf ihren Rädern auf Tour sind. Sie fahren später weiter, aber vorher haben wir eine sympathische und interessante Unterhaltung. Sie sind leicht jünger als ich, haben aber seit jeher lange Touren unternommen. Ich spreche von meinen Lehrjahren und der neu entdeckten Schönheit des immer-weiter-Fahrens und wir freuen uns, dass wir einander verstehen.

Dann trudeln weitere Tourenfahrerinnen und-fahrer ein. Drei einzelne Frauen, ein Paar und später noch zwei Väter mit ihren Söhnen. Alle haben Kuppelzelte, die sicher 2 kg oder mehr wiegen, das Paar sitzt in Campingstühlen. Ich Idiot habe das leichteste Zelt gekauft und den 700 g-Stuhl zuhause gelassen. Gut zwei Kilo an Ballast gespart, dafür ist's unbequem und die Erholung leidet. Aber ich bin ja lernfähig.
 
Samtag, 11. Juli 2026, Neufchâteau – Bains-les-Bains, 97 km

Die Wettervorhersage hat für die Region Dijon die Temperaturen weiter erhöht. Dem beuge ich mich, das Wetter gewinnt. Ich bin erschöpft und habe genug. Ich werde zurück an die V50 wechseln, dort habe ich viele Kilometer am Schatten und bin schneller zurück in Besançon.
Wie ich schon geschrieben habe: um sechs starten, um dann vor der grossen Hitze am Ziel anzukommen, ist schön und machbar. Aber dann folgt die tote Zeit, es wird heiss und heisser, am Nachmittag ist alles ausgestorben und die Sonne geht noch lange nicht unter. Dieses Warten zehrt.

In Neufchâteau muss ich als erstes 65 hm mit bis zu 15% Steigung überwinden. Danach bin ich warmgefahren. In Chatenois trinke ich Kaffee auf einer Terrasse. Beim Bezahlen an der Bar kommt die Frage, was mein Gefährt genau sei. Ich erkläre und erzähle, wie ich eine fremde Umgebung erfahre und mich an Begegnungen erfreue. Das Gespräch nimmt eine schöne Wendung, draussen bei den drei anderen Gästen (Männerthemen halt) wäre das nicht möglich gewesen. Er entschuldigt sich für die Frage nach dem VM. Nicht die Technik sei wichtig, sondern ihn interessiere der Mensch und er möchte mehr erfahren. Er sei eigentlich nicht von hier, als Zweijähriger sei er mit seinen Eltern aus der Türkei hierhergekommen.

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Unterwegs auf einer breiten Landstrasse liege ich leicht neben der Navi-Route. Über mir muss eine stillgelegte Bahnstrecke sein, ich steige bei der nächsten Gelegenheit hinauf, finde aber nur einen ziemlich zugewachsenen Schotterweg. Ich steige aus, um zu wenden, und aus dem Garten unten steigt einer hinauf, um zu schauen, was er da sieht. Ich sage dann, er wohne an einem schönen Ort, und er weist auf den Verkehr unten, die stinkende Deponie am Waldrand und die dazugehörigen Lastwagen hin. Er könne sich nur in einem kleinen Umkreis bewegen, er sei Maurer gewesen, 73-jährig, und Rücken, Schultern und die anderen Gelenke seien kaputt und es reiche ihm noch für 200 m links oder rechts auf der ehemaligen Bahnstrecke.

Eine lustige Begegnung gibt es später vor dem Supermarkt. Es interessiert den Mann, wie es sich im Verkehr fährt und fragt dann, ob ich nicht übersehen werde? Kriegst Du nicht Ärger? (Man beachte das Duzen, das ist ungewöhnlich) Ich sage: "Ach weisst Du, die Franzosen sind freundliche Menschen". Er lacht, klatscht mir auf den Rücken und wir verabschieden uns. Nicht alle Velofahrer sind der Meinung, dass französische Autofahrer freundlich sind. Das Velomobil produziert sowieso einen imaginären Schutzschild, aber sowohl Uwe als auch ich haben vor allem Rücksicht erlebt.

Am Mittag bin ich zurück an der V50. Hotel in Bains-les-Bains oder Camping etwas weiter? Ich will einen Ruhetag einlegen und das Hotel gewinnt. Noch 30 km dem Kanal entlang runter, im Tal unter Bäumen. Ach, wie schön.

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Bains-les-Bais ist ein Badekurort. Schon die Römer haben da die warmen Quellen genutzt, aber heute ist nicht mehr viel los. Offenbar wird in den Thermen noch gekurt, aber das Dorf hat sich verkleinert, das römische Bad ist seit 1991 geschlossen und Ruinen mit verblichenen Aufschriften wie etwa «Café de la Promenade» säumen die Ausfallstrassen.

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Montag, 13. Juli 2026, Bains-les-Bains – Ray-sur-Saône, 100 km

Auch Fontenoy-le-Château etwas weiter unten am Kanal hat den Glanz verloren. Gross angelegt und mit eindrücklichen Häusern, aber die Hauptgasse mit den unzähligen geschlossenen Läden ist trist. Noch eine Bäckerei ist offen, möglicherweise ein Café (aber nicht, wenn ich durchfahre).

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Das Tal aber ist schön, Landschaft und Route abwechslungsreich und wunderbar zu fahren. Heute ist der Himmel am Morgen leicht überdeckt, die Temperaturen noch angenehm. Nach 30 km wieder Kaffee und Croissant in der Bäckerei in Corre, wieder einkaufen im Supermarkt von Scey-sur-Saône. Ich habe die gleiche Gîte reserviert, in der wir auf der Hinfahrt übernachtet haben. Mit Glück war sie frei, von den nächsten Tage an sei sie dann immer besetzt.

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Ich vertreibe mir Zeit im Dorf kurz davor. OSM zeigt ein Café (geschlossen, à vendre) und einen Laden (gibts auch nicht mehr) an, am einfachen Campingplatz mit Toilette habe ich immerhin ein begeistertes Publikum. Und sie haben einen Eiffelturm!. So fahre ich weiter. Vor der letzten Steigung liegt noch ein Baum über der Strasse, der lässt sich aber leicht überwinden.

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Es ist vor elf, ich bin zu früh. zu Fuss gehts zum Restaurant – geschlossen da morgen Nationalfeiertag – und setze mich auf eine schattige Bank am Fluss. Ich beschliesse, das beworbene Schloss zu besichtigen. Die Strasse hinauf ist steil, die Luft heiss und schwül, der Schlosspark schön aber ohne Möglichkeit, sich hinzusetzen und etwas zu trinken, das Schloss ist nicht zu besichtigen. Ich freue mich sehr auf die Dusche!
 
Dienstag, 14. Juli 2026, Ray-sur-Saône – Pesmes, 66 km

Wäre es kühler, hätte ich die gut 100 km nach Besançon in einem Tag gemacht und wäre dann direkt nach Hause gefahren. Ich teile aber in zwei Etappen auf und bin am folgenden Tag froh darüber, denn die Heimfahrt auf Autobahnen und Landstrassen wird sich anfühlen, als sei ich 10 Jahre nicht mehr in einem Auto gesessen und wie wenn ich eine Nacht ohne Schlaf verbracht hätte.

Es ist Nationalfeiertag in Frankreich. Gestern und heute sind mehr Menschen unterwegs, in den Dörfern und Städten wurden Festplätze eingerichtet. Aber am Morgen sieht alles aus wie an einem normalen Tag, der Supermarkt in Gray hat offen, die Strassen haben wenig Verkehr.

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Noch 40 km bin ich auf der Veloroute V50, dann biege ich ab auf Landstrassen. Ein paar Steigungen und Abfahrten, dann bin ich in Pesmes. Ich durchquere das mittelalterliche Städtchen: ziemlich leer, ein (noch?) toter Rummelplatz. Nur beim Supermarkt herrscht Leben. Da mache ich Pause, trockne das nasse Shirt auf der heissen Mauer und kaufe noch einmal ein. Der Campingplatz ist direkt unter der Stadt: 150 m rollen, über die Brücke zwei mal treten und ausrollen lassen.

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Der Campingplatz liegt direkt an der Ognon, die wild durch die Gegend mäandriert und in die Saône mündet. Um 11 ist es schon heiss und es heisst warten. Dusche und Kleiderwaschen. Noch ein wenig aufräumen, ein wenig Lager vorbereiten. Nach der Erklärviertelstunde für den Nachbarn spaziere ich am Fluss entlang und finde auf einer kleinen Insel einen Park mit Buvette. Männer fischen auf der Brücke, ein paar Gruppen picknicken. Ich trinke ein Bier. Nach ein paar Minuten setzt sich eine Frau zu mir, die sich vorher an der Buvette laut ausgelassen hat über das Unrecht, das ihr angetan wird. Dann bin ich ihr Zuhörer und ich erfahre einiges über ihr Leben. Sie hat ihr Leben lang mit ihrer Familie auf Rummelplätzen gearbeitet, ist jetzt 73 Jahre alt und wohnt im Sommer in einem Mobilhome und im Winter in einer kleinen Wohnung, die sie aber nicht liebt. Ein neues Gesetz zwingt sie, den Platz freizugeben und das Mobilhome (mit Zaun, Veranda etc.) zu entfernen. Sie sei jetzt alleine und brauche dafür mehr Zeit. Und überhaupt. Sie habe immer hart gearbeitet und immer alles selber bezahlt. Anders als die Jungen heute. Die ganze Ungerechtigkeit der Welt kriege ich zu hören. Sie weiss sich sicher durchzuschlagen und nicht kleinzukriegen, aber an diesem Tag ist sie einsam und verlassen. Und wütend, weil der Bürgermeister, der sie rauswirft, sie auch zum Feiertag eingeladen hat zu Essen und trinken. Nie, nie würde sie das tun! Tränen fliessen, sie entschuldigt sich.

Mitten drin sagt sie einen Satz, der nachhallt: Je suis très croyante, Ich bin sehr gläubig. Ich höre darin: Das ist, was mir Gott auferlegt hat, ich muss es akzeptieren. Wie die Arbeiter in der kirchenähnlichen Fabrik, wie die nicht Privilegierten in weiten Teilen Frankreichs, die von einem Katholizismus des 19. Jhd. auf ihren Platz verwiesen werden, hinter dem eine erzkonservative Politik und die Macht der Wirtschaft stehen.

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Am Nachmittag ist das Städtchen noch stiller, kein Lokal hat offen. Das Restaurant bei der Einfahrt zum Camping mit seiner Terrasse am Fluss ist jetzt ebenfalls zu – über Mittag waren alle Tische besetzt. Im Schatten am Wasser geht der Nachmittag vorbei. Vom Nationalfeiertag bekomme ich nichts mit.


Mittwoch, 15. Juli 2026, Pesmes – Besançon Gare TGV, 37 km

Um 20 vor 7 fahre ich los, zwei Stunden später bin ich beim Auto. An die Strecke kann ich mich kaum erinnern, einzig die fünf Kilometer auf einer Bahntrasse mit feinem Kies bleiben haften. Nach dem Mittag bin ich wieder zuhause.
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Eine gute Woche später: Die To-do-Liste ist kürzer geworden. Heute hat mir Uwe geholfen, den Hinterreifen zu wechseln und die defekte Speiche des Vorderrades zu ersetzen. Die Sehne meines rechten Daumens ist entzündet und ohne Hilfe hätte ich das nicht geschafft.
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Nach gut 6000 km sah der Hinterreifen so aus. Viel länger hätte der nicht gehalten!
 
Fährst Du viel Split?
Hier mal ein paar Kilometer, da mal kurz ein Waldweg. Also nein, eigentlich nicht. Die Reifen habe ich kurz kontrolliert vor dem viertletzten Tag, ich hatte dann noch ein paar sehr raue Strassen.Vielleicht hat die Hitze nachgeholfen. Ich war schon sehr überrascht, wie sich der in kurzer Zeit zerlegt hat.
 
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