Engpass in Fahrradwerkstätten (Fahrradzukunft Ausgabe 43)

Der häufigste Defekt am Fahrrad sind auch heute noch mit ca. 70% Reifenpannen.
Hier bei uns im Haus habe ich mit den Mitbewohnern, die Lust hatten, Fahrradflicken geübt. Ich hab an der Tür zum Fahrradhof einen Zettel hingehängt, dass man mich bei Defekten oder Platten gerne um Hilfe bitten kann. Ic hhabe das schnell und kostenlos repariert mit viel Eigenanteil der Radbesitzer, Ziel ist, dass die das selber lernen, und denen damit erspart, wochenlang auf Werkstätten zu warten. Wurde bisher fünfmal angenommen, war immer witzig und ich denke, in Kürze können die Leute das selber. Ich werde hier vermutlich noch eine Holzkiste mit notwendigem Werkzeug aufhängen, denn viele haben nichts. Das ist natürlich keine Lösung für alle der 65 Millionen Radfahrenden, aber wenn man diese Art Nachbarschaftshilfe ausbaut, wir haben hier in Hanniver z.B. auch Selbsthilfewerkstätten, dann wird vieles besser werden.

Und ja, die richtige Wahl der Reifen ist auch ein Thema. Ich habe früher immer Schwalbe Marathon empfohlen, jetzt wird es vermutlich der gute Conti Urban, sollte man wieder jemand fragen.
 
Mein "Stamm"-Velomechaniker meint inzwischen fast schon entschuldigend, dass er eine Reparatur nicht sofort durchführen kann und ich daher das Radl da lassen muss; ist allerdings eine 20000 Stadt mit vier Veloläden sowie zwei in den direkt angrenzenden Dörfern.
Im Artikel heisst es:
"Andreas: Ist langlebige, wartungsarme, für Ungelernte leicht reparierbare Fahrradtechnik heute noch möglich und verkäuflich?

Max: Es fehlt an Nachfrage. CFK, Elektronik, App-gesteuert liegt im Trend."
Nun, vom veloplus (eine CH-Fahrradladenkette mit diversen Niederlassungen) gibt es ein entsprechendes Fahrrad (Eigenmarke):
z.B. https://www.veloplus.ch/shop/velos-...-cammina-tourenvelo-ultramarinblau-xl-2250843
Es wird so beworben: "... nahezu unverwüstliche Rahmen aus Chrom-Molybdän-Stahl..."
"Dank austauschbarer und unterschiedlicher Ausfallenden kann Cumpan im Laufe der Zeit an sich wechselnde Ansprüche angepasst werden. Egal ob klassische Kettenschaltung, Nabenschaltung mit Kette oder Zahnriemenantrieb, Cumpan ist kompatibel."
Sublieferanten in der Nähe.
"Robustheit, Modularität und Langlebigkeit. Beständigkeit, Nachhaltigkeit und Reparierbarkeit.".
Anscheinend ist die Nachfrage vorhanden; ok, vielleicht ist die "Geiz ist Geil" Mentalität in der Schweiz noch nicht so verbreitet wie in D.
 
"Andreas: Ist langlebige, wartungsarme, für Ungelernte leicht reparierbare Fahrradtechnik heute noch möglich und verkäuflich?
Ich nhabe von denen ein Fahrrad, und das ist wirklich langlebig. Damals hatten die noch Pedelec, machen sie heute nciht mehr. Klassische gute Fahrräder. Und nichtmal so extrem teuer. Nach oben geht das natürlich nach ins unbegrenzte, aber für denn Alltag gibt es erschwingliche Räder. Die machen Stahlrahmen, das ist mir wichtig. Vor allem auch Stahllenker, weil diese Aluminiumdinger keine Dauerfestigkeit haben.

 
Es sind in den letzten 3 Jahren überdurchschnittlich viele Geschäfte in D Pleite gegangen. Anfangs durch den Umgang mit dem von der Pandemie ausgelösten Nachfrage Anstieg und folgende Nachfrageflaute und später kamen dann noch politische und geopolitische Veränderungen dazu.
Als Lösung jetzt ein Rad zu propagieren, das wartungsarm ist geht schon in die richtige Richtung, die Instandhaltung beim Kauf mitzudenken. Ob nun durch Verzicht oder einen Kauf bei einem Geschäft mit Werkstatt kann ja beides ein Weg sein, gerade wenn man Schwierigkeiten hat, selber einen Platten zu reparieren.
 
Es sind in den letzten 3 Jahren überdurchschnittlich viele Geschäfte in D Pleite gegangen. Anfangs durch den Umgang mit dem von der Pandemie ausgelösten Nachfrage Anstieg und folgende Nachfrageflaute und später kamen dann noch politische und geopolitische Veränderungen dazu.
Wir haben hier vor Ort auch einige Geschäfts-Aufgaben in den letzten Jahren gehabt. Ich kann die propagierte erhöhte Nachfrage nach Werkstatt-Leistung auch nicht so recht nachvollziehen denn die Werkstätten hier suchen kein zusätzliches Personal. Und die Stundenlöhne sind auch nicht angestiegen. Genau das würde man ja erwarten wenn irgendwo ein Mangel besteht.
 
Es kann auch einfach sein, dass deren Immobilie keinen weiteren Montageplatz hergibt erst recht wenn noch die zusätzlichen Reparaturräder irgendwo stehen sollen. Das können ja auch schnell mal 50 Stück extra sein.
 
Die meisten Geschäfte die hier zu machen, machen das weil's keinen Nachfolger gibt und der ursprüngliche Betreiber in Rente geht.
Der Altersdurchschnitt hier im Landkreis erreicht nun fast 49 Jahre! Fühlt sich eher an wie ein Altersheim mit Freigang , besonders wenn man etwas später wie der durchschnittliche Arbeitnehmer auf Arbeit fährt. graues Haar soweit das Auge reicht. 2000 lag der Schnitt bei 36 Jahren. Anteil der Rentner ist seitdem von 18 auf 33% gestiegen.
Daher ist schon recht logisch, dass das zu Problemen führt.
 
Im Artikel heisst es auch:
Max: Bei den Radläden, die ich kenne, ist die Furcht nicht berechtigt. Trotzdem ist es schwierig, einen angemessenen Reparaturpreis für eine »Gurke« im Wert von 50 € zu machen.
Aus Sicht der Werkstatt ist Arbeitszeit einfach zu bezahlen, warum sollte diese für eine "Gurke" weniger Lohn nehmen als für andere Reparaturen? Im Supermarkt sagt der Verkäufer ja auch nicht "Du kriegst es billiger weil du ja Studentenfahrräder reparierst." Auch steuerlich hat man keine Vorteile daraus. Das mit dem Recht auf Reparatur wird lustig werden......
 
Das Recht auf Reparatur heisst ja nicht, dass es umsonst repariert wird. Der Artikel muss lediglich reparierbar sein und von der Herstellerfirma muss eine Reparaturoption angeboten werden.
Aber selbst bis dahin gibt es noch viel zu tun. Im Augenblick sehe ich eher, dass sich die Servicewüste in Deutschland wieder ausbreitet. Ja, das kann am Fehlen von Fachkräften liegen, was man aber nicht nur den Alten aufs Brot schmieren sollte. Wenn ich sehe, was heutzutage für ein bürokratischer Aufwand am Geschäft hängt, ist es kein Wunder, dass sich niemand eine Fahrradwerkstatt antut.
Ich habe immerhin bei mir die Kunden aus unserer Spezialradszene, die ich zu den absoluten Premiumkunden zähle. Ich freue mich jeden Tag nackig, weil das Händler-Kundenverhältnis so klasse ist. Sei es im täglichen Onlinegeschäft oder wenn man sich auf Messen oder Treffen mal direkt über den Weg läuft. Daraus schöpfe ich sehr viel Kraft, die mir fehlen würde, wenn ich täglich irgendwelche Baumarktgurken reparieren müsste, die dann von Kunden gebracht werden, denen jeder Euro zuviel ist und die bei Abholung erwarten, dass man aus der Gurken einen echten Renner gemacht hat.
Also viele Grüße an alle hier.
Ihr seid klasse
Lutz
 
Gerade hat sich ein Abholtermin verschoben. Jetzt hab ich also ein paar Minuten "übrig" um mal live aus der Fahrradwerkstatt zu berichten.
Wir sind ja im Velomobilforum, also spreche ich hier als Spezialradhändler mit Werkstatt. Die Lage: wir sind gestresst, und zwar dauerhaft. Das hört im Winter auch nur auf, wenn wir mal ein paar Wochen zusperren, danach beginnt sofort der Ansturm auf die Werkstatt. An sich eine erfreuliche Sache, Werkstatt ist immer ausgebucht. Aber leider auch immer zuviel, ich muß Kunden immer wieder mal abweisen, weil es nicht zu schaffen ist.

Reifenpannen sind bei uns nun wirklich kein grosses Problem, die erledige ich mal zwischendrin. Den wirklichen Stress in der Werkstatt gibt es, seit Motoren und Elektronik Einzug gehalten haben. Also seit 10-15 Jahren. Ich mache das hier schon 30 Jahre, daher kann ich den Übergang vom Mechaniker zum Mechatroniker gut nachvollziehen, hab alles miterlebt. Natürlich ist jetzt eine Wartung deutlich aufwendiger, weil auch das Motorsystem geprüft werden muß samt Updates etc. Geht noch. Aber das Zeug ist einfach zu anfällig und dann beginnt der wirkliche Stress. Wenn ein Motor eindeutig im Eimer ist, wäre der Tausch einfach. Aber im Endeffekt läuft das so: Termin mit Kunde und Gespräch bei der Übergabe, 30min. Fehlersuche je nach dem, 20min bis 3 Stunden. Im Fall einer Gewährleistung: Online Fall eröffnen, Rechnung, Servicebericht, Bilder, Beschreibung hochladen, 30-60 Min. Dann abwarten ob anerkannt, derweil steht das Rad oft halb zerpflückt am Lager für oft mehrere Tage und frisst Platz. Gewährleistung bzw. Bearbeitung des Falles anerkannt: Defekten Motor ausbauen, verpacken, einsenden, min. 20Min. Wieder warten, Rad steht nochmal ne Woche rum, noch weiter zerpflückt. Gewährleistung anerkannt, Motor kommt, wieder einbauen, Update, Individualisierung Probefahrt. 30-60 Min. Kundentermin vereinbaren, Abholung, Erklärungen, wieder 30min. Im Falle einer Gewährleistung ist das für den Kunden kostenlos. Und ich ? Genau, wir kriegen nix (der Hersteller beginnt mit Sh) Das ist die Realität, eigentlich unglaublich. Real haben wir durchgehend immer irgendeinen solchen Fall hier rumstehen, gerne auch mehrere, letzte Woche 3 Stück. Natürlich gehen auch Kabel und Stecker im Rahmen kaputt, Displays verrecken und Akkus auch. Da hat man es dann mit Gefahrgut zu tun. Ich hab binnen eines guten Jahres 15 defekte Akkus innerhalb der Gewährleistung. Funktionieren alle noch, lassen sich aber nicht mehr laden. Darf ich alle entsorgen und es gibt neue. Jeder für sich verschenkte Arbeitszeit mit dem oben beschriebenen Ablauf.
Früher war ein Rad rein mechanisch. Da gab´s diesen Stress einfach nicht. Teile waren untereinander kompatibel, selbst SRAM zu Shimano. Jetzt kocht wieder jeder sein eigenes Süppchen, selbst innerhalb des Herstellers muß man aufpassen, was wo und wie zusammen funktioniert. Das ist der Fortschritt, auch die Motorisierung. Heisst aber neben dem beschriebenen Mehraufwand von oben auch, daß man fortlaufend am Ball bleiben muß zur eigenen Fortbildung und Einarbeitung. Das ist alles Zeit oben drauf.
Dann lässt sich die EU inzwischen vierteljährlich neue Regelungen einfallen, die teils so absurd und unerfüllbar sind für kleinere Unternehmen, daß die Beamten selbst erkennen, was sie da für einen Müll ausgebrütet haben.

So, hat nun noch jemand Lust auf Werkstatt, oder sich in dem Bereich selbständig zu machen ;-) Siehste.

Damit das Bild nicht zu dunkel wird: Grundsätzlich lieben wir, was wir hier tun und haben 99% tolle und nette Kunden, deren Freude über ihr neues Rad immer wieder motivierend ist.

Also, Schraubenschlüssel, äh. Kabel und Smartphone in die Hand und weiter geht´s.

Andreas
 
Wenn ich das so lese, dann hab ich ja mit meinem Bafang mit meinen selbst ausgesuchten Akkus ein riesen Glück, der läuft einfach mit allem Zubehör seit über 30.000 Km ohne Panne (Getriebemotor, kein schier unverwüstlicher Direktläufer). Danke, bisher dachte ich das sei normal. Insoweit kann ich das jetzt überhaupt erst wertschätzen. Danke :):):)!
Davon ab, es ist halt wie immer, je mehr dran ist, desto mehr kann kaputt gehen und der Fehlersuchaufwand potenziert sich. Nur welcher Kunde hat das mit allen Konsequenzen auf dem Schirm?
Man braucht sich ja nur mal die Autoversicherungen ansehen: Die günstigste Einstufung hat. u.a. ein 2CV. Warum nur? Die Stoßstange ist passend geformtes Blech, mit 4 Schrauben befestigt. Da ist die Stoßstange billig und der Zeitaufwand für 4 Schrauben lösen und wieder anbringen minimal. Nimmt man ein aktuelles Auto, legt man gleich ein tausend Euroscheine auf den Tisch, sollte sie Stoßstange (wenn es dann nur die Stoßstange ist) ausgetauscht werden müssen. Und da ziehen die Fahrräder (leider) hinter her, wenn ich mir die Entwicklungen so ansehe.
 
Die meisten Geschäfte die hier zu machen, machen das weil's keinen Nachfolger gibt und der ursprüngliche Betreiber in Rente geht.
Der Altersdurchschnitt hier im Landkreis erreicht nun fast 49 Jahre! Fühlt sich eher an wie ein Altersheim mit Freigang , besonders wenn man etwas später wie der durchschnittliche Arbeitnehmer auf Arbeit fährt. graues Haar soweit das Auge reicht. 2000 lag der Schnitt bei 36 Jahren. Anteil der Rentner ist seitdem von 18 auf 33% gestiegen.
Daher ist schon recht logisch, dass das zu Problemen führt.
Auch wenn es OT ist:
Und schon lange absehbar. Z.B. bei BASF Ludwigshafen gehen/gingen die Jahre ca. 2/3 der Belegschaft in Rente, anderswo ist das sicher nicht wesentlich anders. In den östlichen Bundesländer kommt dann noch die Abwanderung und wenig Zuwanderung on top. Die Rentner kann man, wie wir alle seit Jahrzehnten wissen, nicht alle ersetzen, nach den geburtenstarken Jahrgängen kamen nur noch Jahrgänge mit einem Bruchteil der Stärke. Auch durch Zuwanderung etc. wurde das bei weitem nicht aufgefangen. Nicht umsonst wird seit Jahrzehnten versucht im Ausland Arbeitskräfte anzuwerben und zumindest teilweise auch schon dort vorher auszubilden. Reicht trotzdem nicht.
Aber als Lösung sollen ja jetzt demnächst Landebahnen in Richtung Abflug glühen.
Was bleibt dann übrig als alle Rentner zur Arbeit zu verpflichten (ist ja sonst keiner mehr da)? So löst sich das Problem mit dem Freigang ganz nebenbei und der Rentneranteil sinkt ebenfalls blitzschnell drastisch. Die Rentenkasse ist damit auch schlagartig saniert. Alle Probleme auf einen Schlag ganz einfach und pragmatisch gelöst (y);).
Aber genug OT.
 
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