Gerade hat sich ein Abholtermin verschoben. Jetzt hab ich also ein paar Minuten "übrig" um mal live aus der Fahrradwerkstatt zu berichten.
Wir sind ja im Velomobilforum, also spreche ich hier als Spezialradhändler mit Werkstatt. Die Lage: wir sind gestresst, und zwar dauerhaft. Das hört im Winter auch nur auf, wenn wir mal ein paar Wochen zusperren, danach beginnt sofort der Ansturm auf die Werkstatt. An sich eine erfreuliche Sache, Werkstatt ist immer ausgebucht. Aber leider auch immer zuviel, ich muß Kunden immer wieder mal abweisen, weil es nicht zu schaffen ist.
Reifenpannen sind bei uns nun wirklich kein grosses Problem, die erledige ich mal zwischendrin. Den wirklichen Stress in der Werkstatt gibt es, seit Motoren und Elektronik Einzug gehalten haben. Also seit 10-15 Jahren. Ich mache das hier schon 30 Jahre, daher kann ich den Übergang vom Mechaniker zum Mechatroniker gut nachvollziehen, hab alles miterlebt. Natürlich ist jetzt eine Wartung deutlich aufwendiger, weil auch das Motorsystem geprüft werden muß samt Updates etc. Geht noch. Aber das Zeug ist einfach zu anfällig und dann beginnt der wirkliche Stress. Wenn ein Motor eindeutig im Eimer ist, wäre der Tausch einfach. Aber im Endeffekt läuft das so: Termin mit Kunde und Gespräch bei der Übergabe, 30min. Fehlersuche je nach dem, 20min bis 3 Stunden. Im Fall einer Gewährleistung: Online Fall eröffnen, Rechnung, Servicebericht, Bilder, Beschreibung hochladen, 30-60 Min. Dann abwarten ob anerkannt, derweil steht das Rad oft halb zerpflückt am Lager für oft mehrere Tage und frisst Platz. Gewährleistung bzw. Bearbeitung des Falles anerkannt: Defekten Motor ausbauen, verpacken, einsenden, min. 20Min. Wieder warten, Rad steht nochmal ne Woche rum, noch weiter zerpflückt. Gewährleistung anerkannt, Motor kommt, wieder einbauen, Update, Individualisierung Probefahrt. 30-60 Min. Kundentermin vereinbaren, Abholung, Erklärungen, wieder 30min. Im Falle einer Gewährleistung ist das für den Kunden kostenlos. Und ich ? Genau, wir kriegen nix (der Hersteller beginnt mit Sh) Das ist die Realität, eigentlich unglaublich. Real haben wir durchgehend immer irgendeinen solchen Fall hier rumstehen, gerne auch mehrere, letzte Woche 3 Stück. Natürlich gehen auch Kabel und Stecker im Rahmen kaputt, Displays verrecken und Akkus auch. Da hat man es dann mit Gefahrgut zu tun. Ich hab binnen eines guten Jahres 15 defekte Akkus innerhalb der Gewährleistung. Funktionieren alle noch, lassen sich aber nicht mehr laden. Darf ich alle entsorgen und es gibt neue. Jeder für sich verschenkte Arbeitszeit mit dem oben beschriebenen Ablauf.
Früher war ein Rad rein mechanisch. Da gab´s diesen Stress einfach nicht. Teile waren untereinander kompatibel, selbst SRAM zu Shimano. Jetzt kocht wieder jeder sein eigenes Süppchen, selbst innerhalb des Herstellers muß man aufpassen, was wo und wie zusammen funktioniert. Das ist der Fortschritt, auch die Motorisierung. Heisst aber neben dem beschriebenen Mehraufwand von oben auch, daß man fortlaufend am Ball bleiben muß zur eigenen Fortbildung und Einarbeitung. Das ist alles Zeit oben drauf.
Dann lässt sich die EU inzwischen vierteljährlich neue Regelungen einfallen, die teils so absurd und unerfüllbar sind für kleinere Unternehmen, daß die Beamten selbst erkennen, was sie da für einen Müll ausgebrütet haben.
So, hat nun noch jemand Lust auf Werkstatt, oder sich in dem Bereich selbständig zu machen ;-) Siehste.
Damit das Bild nicht zu dunkel wird: Grundsätzlich lieben wir, was wir hier tun und haben 99% tolle und nette Kunden, deren Freude über ihr neues Rad immer wieder motivierend ist.
Also, Schraubenschlüssel, äh. Kabel und Smartphone in die Hand und weiter geht´s.
Andreas