Brevet Brevet-Bericht - Zwischen Rhein und Seine RM 1200

Beiträge
843
Ort
52428 Jülich
Als hätte ich es wissen können....
randonneur (-euse) [ʀɑ͂dɔnœʀ, -øz] SUBST m, f - randonneur (-euse) = Wanderer (m) /Wanderin (f)



Zwischen Rhein und Seine – RM 1200km




Im Kalender tauchte für das Jahr 2025 ein 1200er in Belgien auf. Natürlich musste ich neugierig auf den Link klicken und schauen, wo die Route entlang führt. Eine Doppelschleife von Jabbeke / Brügge an den Rhein bei Emmerich, bei meiner Familie nahezu vor der Haustür vorbei und nahezu topfeben. Danach zurück zum Start-Zwischenhalt-Ziel und eine Schleife durch Belgien und Nordfrankreich nach Rouen zur Kathedrale.


1756632768957.png


Luc als Organisator schreibt auf seiner Seite https://www.garde-boue.be/rm-1200

Ein Stück Geschichte

Vor 2000 Jahren war Gallien in drei Teile geteilt, von denen die Aquitanier den südlichsten Teil, die Belger den nördlichsten Teil und die Kelten (in unserer Sprache Gallier) den mittleren Teil bewohnten. Diese drei Völker unterschieden sich in Sprache, Institutionen und Gesetzen voneinander. Die Garumna (Garonne) bildete die Grenze zwischen Galliern und Aquitaniern, die Mátrona (Marne) und die Séquana (Seine) die Grenze zwischen Galliern und Belgiern.

Weitere Informationen hierzu finden Sie in dem Buch: Ave Caesar – Johan De Ryck.

Belgica begann also am Unterlauf des Rheins in nordöstlicher Richtung und reichte südlich bis zur Seine.

„1200 km zwischen Rhein und Seine” können wir also auch als „quer durch das alte Belgica” beschreiben




Soundtrack zum ersten Teil – Don’t Stop Believin’ - Journey



So begab es sich, das sich @Cars10 und ich beide wild entschlossen mit zwei Velomobilen und 40 Mitstreiterinnen und Mitstreitern auf die rund 1200 Kilometer lange Strecke zu begeben.



Am Donnerstag, pünktlich um die Mittagszeit aus der Arbeit geflüchtet machte ich mich mit dem A7 im Auto und reichlich Vorräten auf den Weg nach Belgien.

Am Vorabend waren wir etwas zu spät zum Buffet und durften uns noch zusammen mit Ole, der mir auf seinem Zeltplatz-Stellplatz einen Platz gewährte, über die reichlich vorhandenen Reste hermachen

Direkt zum Start um 6 Uhr gab es die erste Entscheidung zu treffen, gemütlich mit der Gruppe zur Fähre um in 2 Stunden und 18 Minuten nach dem Start die Fähre zu erreichen oder etwas „flotter“ um gegen 7:18 Uhr die frühere Fähre zu erreichen. Wir hatten beide die Fahrkarten vorab ausgedruckt und waren somit hervorragend vorbereitet ;-).
Der Start erfolgte und die gesammelte Gruppe rollte entspannt und der Distanz angemessen vom Hof bei 13 °C vom Hof des Ibis Hotels, wir hinterher.

1756632785691.png

Für die ersten 5 Kilometer hatten @Cars10 und ich noch einen angenehm entspannten Schnitt von 30,4 km/h und einer Durchschnittsleistung von 175 Watt auf den Pedalen des A7. Dann nachdem uns beiden klar wurde, dass die Fähre vielleicht doch erreichbar wurde kam der Übermut durch.



Für die nächsten 45 Kilometer bis zur Fähre, entlang der Kanäle und breiter, freier Straßen ging die Geschwindigkeit bis auf 49 km/h bei einem Schnitt von 39km/h hoch, ich musste dafür 225W über die Stunde treten, das ist ziemlich genau, der Wert den ich sonst bei FTP-Tests noch trete. Über die Vernünftigkeit können wir jetzt diskutieren, vor allem als Cars10 einen Stein oder Erdklumpen mitnahm und sich einen Schleicher auf den letzten 5 Kilometern zur Fähre zuzog und sicherlich noch mal deutlich mehr Treten musste, wenn er die Fähre erreichen wollte.



Natürlich haben wir es gerade noch rechtzeitig geschafft, mit einrollen auf die Fähre ging die Klappe hoch und wir waren auf dem Weg über die Schelde.


Cars10 hisste erstmal die Paris-Brest-Paris-Flagge auf dem Achterdeck um dann auf der Fähre den Platten zu flicken, mehr schlecht als recht.


Nach der Ankunft in Vlissingen nutzten wir die Gelegenheit Fotos zu machen und den Schlauch zu tauschen.

1756633264200.png

Einen Frühstückstop in Vlissingen und ein paar Kilometer später kam der nächste Schleicher. Während des Schlauchtauschs zog die erste Rennradfahrer-Gruppe an uns vorbei, natürlich gebührend mit einer La-Ola-Welle gefeiert.
1756632976815.png
Da wir beide am Wendepunkt eine Schlafgelegenheit hatten, ich in Goch, Cars10 in Weeze, war klar, dass der Tag entspannt entlang der Kanäle und Wege durch die Niederlande laufen durfte.


Für den Rest der Strecke bis zum Rhein hatten wir einen entspannten 29-30er Schnitt bei 151 Watt Leistung. Mit einigen Eis und Essenspausen rollten wir schön unserem Wendepunkt entgegen.

1756632998888.png


Über schmale Feldwege, teilweise mit spannenden Drift-Einlagen durch Landwirtschaftlichen Verkehr mit Mähmessern auf Velomobilisten-Kopfhöhe und einige Gravel-einlagen auf schmalen Radwegen durch Wunderschöne Landschaft näherten wir uns der ersten Bergwertung, der Heumensebaan zwischen Molenhoek und Groesbeek.
Gut ein Kilometer mit 2,5% Steigung bevor es über die Europaradbahn nach Kleve ging. Dank der Umbauarbeiten an der Emmericher Rheinbrücke, der längsten (KFZ-)Hängebrücke Deutschlands und dank der Farbe auch die Golden-Gate-Bridge des Niederrheins genannt, konnten wir zügig über breite und leere Straßen unseren Wende-Check-Point erreichen.

1756633029701.png

Wäre da nicht der unfreundliche Niederländer mit Hilfssherrif-Komplex und zwei großen, im Naturschutzgebiet nicht angeleinten Hunden gewesen wären wir sogar noch zwei Minuten eher da gewesen. Das Organisatoren-Team war vor Ort und begrüßte uns herzlich, wir konnten den Brevet-Pass von Klaas, der diesen am vorherigen Stopp vergessen hatte nur an Luc weitergeben da Klaas uns enteilt war. Hier gab es überraschenden Besuch von Eltern, Bruder und Kind 2, die uns eigentlich an der Europa-Rad-Bahn winken wollten. Trotz der Ermahnung von Kind 2 „Papa ist schnell!“ waren wir aber zu schnell und wurden erst am Kontrollpunkt wieder eingeholt.


1756633158351.png

Cars10 stärkte sich mit einem guten Abendessen für das letzte Stück bis Weeze ich hatte etwas Flüssiges, da ich schon eine große Portion Pasta mit Bolognesesoße in Goch für mich gebucht hatte. Nach einer schönen Abendrunde durch den Niederrhein, begleitet von einem wundervollen Sonnenuntergang, trennten wir uns in Goch. Cars10 wollte in Goch einkaufen und dann in Weeze auf jeden Fall länger schlafen da die Nacht vorher kurz war und die Anreise von gut 200km und der erste Tag noch in den Beinen steckten.

Ich plante ganz lose bis 4 Uhr zu schlafen und dann zu starten, sollte ich nicht eher wieder wach werden.

Um halb drei war ich wach und machte mich, nach auffüllen der Flaschen, um 2:45 Uhr auf den Weg. Die Frage "Warum fährst DU denn für Holland?" meiner Schwester konnte ich mit einem "Das Trikot hat vorne Taschen!" ganz einfach beantworten :-D

1756633170708.png

Weiter geht es gleich, auf dem Rückweg der ersten Schleife.
 

Anhänge

  • 1756632809296.png
    1756632809296.png
    1,1 MB · Aufrufe: 7
Die gesamte Tour wurde über einen Tracker der Organisatoren geloggt. Eine tolle Sache um allen anderen auch Spaß zum mitfiebern zu gönnen. Ich habe lediglich meiner Familie vorher gesagt, dass es kein Hinweis auf Probleme ist, wenn sich der Tracker über Stunden nicht bewegen sollte. es war schön das so alle wussten wo ich bin, um die Reise verfolgen zu könnten.
 
weiter geht es...
Vom Rhein zum Start/Ziel/Zwischenhalt.

Nach dem Start ging es die ersten Kilometer über bekannte Wege zurück in die Niederlande. Durch die Maasduinen Richtung Venray bei meiner Tante nahezu vor der Tür vorbei führten die Wege im Morgengrauen über teilweise schmale Pfade vorwärts. Hätte es hier Gegenverkehr gegeben wäre die Strecke deutlich nerviger geworden.
1756661333642.png
Cars10 war noch im Hotel in Weeze während ich meinem Weg auf dem Track folgte

Bei Lieshout traf ich auf den Wilhelminakanaal der längere Zeit an B(r)est vorbeit bis hinter Oirshot ein schnelles Vorankommen ermöglichte. Der eine oder andere Rennradfahrer hat sich über die „Eintönigkeit“ vielleicht später geäußert, für mich war es wunderbares Velomobil-Geläuf.
1756661382771.png

Bald ging es, weg vom Kanal durch Wälder und Felder zurück nach Belgien. Nach Ravels kam die nächste Kanalstrecke entlang des Kanaal-Dessel-Schoten bis nach Antwerpen.

1756661401092.png

Antwerpen im morgendlichen Rad-Berufsverkehr war eine besondere Erfahrung.

1756661511633.png
Als touristisches Highlight wurde die Schelde durch den Sint-Annatunnel gequert. Lediglich die Drempel im Tunnel hätten ein wenig flacher sein dürfen.
Die meisten Räder nutzten die Rolltreppe. Dank Lastenaufzug ist der Tunnel aber auch für Velomobile kein Problem.

1756661576247.png





Der Weg aus Antwerpen raus war allerdings „schwierig“. Schmale, teilweise schlechte Fahrradwege und Straßenbahnschienen auf der Straße mit reichlich KFZ-Verkehr.


Nachdem Antwerpen gut hinter mir lag wartete mit Gent und Brügge schon fast das Ziel am Horizont. Der Weg dahin war dank der Belgischen Fietssnelwege wieder wunderbares Velomobilgeläuf. https://fietssnelwegen.be/ - der F4 zwischen Antwerpen und Gent entlang der Bahnstrecke
1756661600360.png

Die Kontrollstelle unterwegs hätte erst um 13 Uhr geöffnet, so gab es ein Selfie und Bestätigung durch den Tracker.


In Gent wartete der nächste Check-Point, das Fietscafe in dem sowohl A7 als auch ich drinnen sitzen und uns auf die letzte Etappe bis Jabbeke vorbereiten konnten.
1756661619147.png
Auf den wenigen, verbliebenen Kilometern bis zum Start/Zwischenstopp/Ziel warteten noch zwei touristische Highlights auf alle Brevetfahrenden. Die Innenstädte von Gent und Brügge.

1756661636207.png
Gent.

Kopfsteinpflaster und Touristen in rauhen Mengen. Da darf man als Velomobilist nicht schüchtern sein.

Ein Asiatischer Tourist wollte sich auf jeden Fall min mein A7 setzen. Ich versuchte höflich zu erklären, dass das vielleicht keine gute Idee ist. Er war aber sehr bestimmt, dass das DOCH eine gute Idee sei. Nachdem ich die Ventisit-Matte, mariniert in HurriChris-Soße, tropfend aus dem A7 zog, war das Verständnis plötzlich doch da… Surprise :-D.
1756661657540.png

Danach ging es entspannt bis zum Zwischenstopp, den ich laut Tracker um 15:31 Uhr erreichte.

Ein Highlight auf der Route war das Fahrradwohnwagen-Gespann, kurz nach Brügge.

1756661675549.png



Dann war ich schon wieder in Jabbeke. Nach stempeln, ein paar Joghurts, Mousse au Chocolat, Chips (für die Elektrolyte) und ein paar Dosen gut gekühltem 0,0% Radler (ebenfalls für die Elektrolyte) habe ich erstmal ein Nickerchen gemacht. Um kurz nach 17 Uhr war auch Ole wieder am Zelt und ich durfte aus erster Hand die Freuden aller Langstreckenfahrenden erfahren, die sich nicht der Juppschen Philosophie des elastischen Gummibands verschrieben haben sondern freiwillg/unfreiwillig zum Reiseleiter für andere Randonneure machen lassen. Ole legte sich ins Zelt und wälzte sich vernehmlich hin und her.

Gegen 18:17 war Cars10 schon am Hotel und wir haben die Gelegenheit genutzt um mit einem sehr empfehlenswerten Alkoholfreien Bier Elektrolyte aufzufüllen und eine leckere Pommes in Belgien zu essen.


Ole und Reisebegleitung tauchten plötzlich am Hotel auf, er fand am frühen Abend keinen Schlaf und wollte in die Nacht hinein fahren, als freiwillig /unfreiwilliger Windschattenspender.

Da Carsten auf jeden Fall besser und länger schlafen wollte haben wir uns für 4 Uhr, oder ein wenig später, verabredet ,um zusammen zu starten. Ich habe noch weiter Energie und Elektrolyte aufgefüllt und m ich im Bus ausgeruht und gut geschlafen.
 
Schleife Nummer zwei – Auf zur Seine!

Soundtrack für die zweite Schleife: Run to the hills – Musikkapelle zur Eisernen Jungfrau ;-)

Gegen 02:30 musste ich die verarbeiteten Elektrolyte wieder wegbringen und sah, das Carsten mir geschrieben hatte. Der fehlende Schlaf mehrere Nächte forderte seinen Tribut. Die Entscheidung für die Sicherheit war garantiert nicht einfach aber sehr verantwortungsvoll. Ich war sowieso wach und machte mich so langsam nach fast 12 Stunden Pause auf den Weg. Um 5 Uhr sollte es bei Becky’s Sandwicherie in Langemark neben einem Stempel auch noch ein gratis Baguette für uns geben. Die Anfahrt auf dem Bahntrassenradweg war zügig, die Temperaturen mit 13-15°C angenehm kühl. Spannend war das Spiel: „Randonneur oder Party-People?“ wenn ich von hinten eine Gruppe einholte. Eine nicht unerhebliche Grupper junger Menschen war mit dem Rad auf dem Weg nach Hause, zumindest das erste Rad hatte immer Licht nach vorn und das letzte Rad Licht nach hinten.

Pünktlich um 4:45 Uhr bin ich am Checkpoint und Becky machte gerade die Tür für die ersten Randonneure auf, ich habe mir nur schnell das Baguette für die Fahrt geben lassen und bin fix weiter geflitzt. Die Höhenmeter warten….

Das Profil hatte einen ersten Anstieg und einen schmalen Weg, mit schlechter Wegdecke und Grasbuckeln in der Mitte, dieses Stück muss ich mit dem Velomobil nicht nochmal fahren und Plötzlich war ich bei Saint-Jans Cappel in Frankreich. Die folgenden gut 30 Kilometer waren ein Velomobil-Traum. Vergleichsweise flach mit minimalen Wellen, entlang eines Flüsschens auf unglaublich glattem Straßenbelag. Die Strecke flog dahin mit einem Entspannten fast 30er Schnitt bei nur 135 Watt Leistung am Pedal.

Die Gegend erinnerte jetzt an die Rureifel- Zuckerrüben, Windräder und, wenn man quer zu den Bächen fährt, steile Abfahrten und Aufstiege. Dazwischen schön welliges Terrain zum delphinieren mit dem Velomobil.

1756671084069.png

Über Ternoise, die Somme, Bresle Bethune, Authie und eine Handvoll anderer Flüsschen und Flüsse ging es mit rauschenden Abfahrten und eigentlich gut fahrbaren Anstiegen weiter Richtung Rouen. Inzwischen gab es auch rauen Französischen Landstraßen-Asphalt. Die Wahl der Ideallinie konnte hier schnell 2-3 km/h Unterschied machen.
1756671137652.png
Einmal en detail für die interessierten Zuschauenden ;-)

Die letzten Kilometer bis zum Wendepunkt hatten es nochmal in sich. Die mehr als 15% auf einer relativ gut befahrenen Straße haben mich zum Schieben gebracht. Ein besorgt anhaltendes Auto sorgte für quietschende Reifen im Gegenverkehr und eine brenzlige Situation während ich mir Warnweste ann den Hügel hoch schob.
1756671152940.png

Die Abfahrt machte deutlich, dass die Bremsen noch ein wenig Liebe brauchen würden damit an den frischen Bremsen wieder der alte Grip anliegt
Dann das Ziel am Wendepunkt. Die gothische Kathedrale von Rouen. ( https://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale_von_Rouen )
1756671234042.png

Mit mir kommen noch einige weitere Randonneure an.
Plötzlich spricht mit ein jugendlicher in bestem Schuldeutsch mit französischem Akzent an, ob ich vielleicht ein Foto von ihrer Gruppe vor der Kathedrale machen könnte? Aber sicher doch! Der Lehrer fragt nach dem woher und wohin und sagt dann ganz trocken: Darf ich die Geschichte meinen Schülern erzählen? Die Haben heute Hockey gespielt und beschweren sich über schwere Beine. Danach gab es einige Ah! und Oh! sowie einen spontanen Applaus für alle versammelten Randonneure :)

Rouen ist wunderschön und eine Reise wert, wenn ich denn nicht noch unbedingt im Intermarche oben am Hotel Bremsenreiniger kaufen wollen würde. Ich habe noch 1,5h für die gerade mal 7km Strecke bis zum Hotel und Geschäft.

1756671293641.png

Der Weg aus Rouen war mindestens so "schön" wie der Hinweg. Nach ein paar flachen Schiebemetern durch eine Baustelle liegt der Anstieg schnurgerade vor mir. 2Km mit 120 Höhenmetern und teilweise mehr als 15% Steigung.

1756671322223.png
Den fahre ich nicht, schon gar nicht mit 56er Blatt vorne.

1756671373754.png

Am oberen Ende der Steigung hat man die Höhe der Turmspitze der Kathedrale fast erreicht, quatsch, mindestens dreimal höher ist man! (….der Turm ist 151,5 Meter hoch). Die letzten Kilometer zum Intermarche und Ibis Hotel sind entspannt, ich reinige die Bremsen mit Startpilot und 95% Spiritus, es bremst wieder! Einige andere Randonneure sind ebenfalls im Ibis, wir werden uns am nächsten Morgen wieder sehen. Die Dusche ist wunderbar, alle Elektronik lädt entspannt auf und ich schlafe nach einem ausgiebigen Snack wunderbar und tief.
 
Jetzt muss ich ja nur noch zum Ziel zurück...

Der entspannte Tiefschlaf geht bis zum Weckerklingeln um 3:55 Uhr. Ein Blasenpflaster auf die Stelle am Steißbein, die seit gestern zwickt, kleben und alles ins A7 räumen. Ab geht die Post! Die Berg-und-Tal-Achterbahn des Vortags wiederholt sich. Kaum liegt Rouen hinter mir ist die Stunde bis zur Dämmerung von wunderbarem Sternenhimmel außerhalb der Dörfer verschönert. Die Sonne geht auf und die Landschaft fliegt vorbei.

Allerdings nicht nur die Landschaft. Plötzlich löst sich der Frontdeckel vom A7 und fliegt an mir vorbei, ich bremse und vergesse runter zu schalten, im Gegenhang bleibe ich stehen. Der Deckel findet sich gute 40 Meter zurück auf der leeren, einspurigen Straße. Ich mache wieder alles fest, steige ein und stelle fest: Mist, nicht runter geschaltet. Keinen Bock wieder aus dem Velomobil zu klettern. Na, einmal feste antreten und ohne Druck schalten wird schon klappen….

*Knirsch-Pling*


Mist, ich habe irgendwas kaputt getreten. Bei jeder Pedalumdrehung knackt es sobald ich mehr als 100 Watt trete. Tretlagermast, Tretlager, Pedale, was kann es wohl sein? Ich rolle den nächsten Hügel herunter und langsam wieder rauf, das knirsch-knacken wird deutlich schlimmer. Erstmal eine Pause an der günstig stehenden Holzbank machen. Einer der Randonneure auf dem Rennrad kommt angefahren. Wir können zusammen keine Bewegung am Mast feststellen, das scheint es also nicht zu sein.

Ein paar Meter weiter, an einer Kuhwiese, steht ein Baum der Schatten auf den Weg wirft, hier kann ich besser schrauben. Die Kühe sind hin-und-weg über die Abwechslung und beobachten mich.
Nach zahlreichen Versuchen lässt sich mein Handy endlich entsperren, das letzte Update hat da irgendetwas kaputt gemacht.
Die VM-Werkstatt Threema-Gruppe hilft die richtige Antwort einzugrenzen.

1756677673863.png

Vier der sechs Streben der Umlenkrolle sind gebrochen, mit druck auf dem Pedal hält das nicht.
Irgendwo zwischen Métigny und Airaines in Nordfrankreich gestrandet, mehr als einmal pro Jahr wollte ich den ADFC nicht rufen.
Ich habe ja noch bis morgen um 11 Uhr Zeit, bevor ich vom Campingplatz runter muss, das sind noch 24 Stunden.

Kopfkino: Wie gut, dass Du den Autoschlüssel mitgenommen hast und Cars10 schon auf dem Weg nach Hause ist. Hätte jemand nicht so auf das Pedal gelatscht würde es entspannt weiter gehen statt zu knirschen!

Es hilft nicht, von alleine wird sich das Problem nicht lösen!



Am Sonntag haben die Geschäfte in Frankreich häufig bis kurz nach Mittag auf, wenn ich einen Baumarkt oder Intermarche finde, dann kann ich vielleicht das ganze Ding mit Epoxid-Ausgießen oder Draht bohren. Kann man Aluminium eigentlich Löten? Das nächste Geschäft im Blick ist ein ALDI in Airaines. Ich halte einfach an, vielleicht findet sich ja etwas. Jahrzehnte MacGyver schauen müssen sich schließlich mal rentieren.
Im ALDI gibt es standard UHU, Maiskolben-Metallpiekser für Draht und ich habe noch die Küchenrolle vom Bremsenreinigen im Velomobil!
Uhu+Küchenrolle ist garantiert mindestens fast genauso gut wie Epoxidharz und Gewebe!



Bevor ich loslege nehme ich mir auf dem Handy den Deepl-Übersetzer und tippe: Ein Zahnrad an meinem Fahrrad ist kaputt, ich muss es reparieren. So kann ich vielleicht etwaige Nachfragen, warum ich auf dem Aldi-Parkplatz rummatsche, befriedigen. Im Gegensatz zu den Schülern mit hervorragendem Deutsch als Fremdsprache ist mein Französisch nicht mal rudimentär vorhanden.

Los geht es, als erstes muss die Rolle raus. Matschen mit Uhu und Küchenrolle ist zwar vielleicht nicht Zielführend, aber was solls, Der Draht der Maispiekser lässt sich nicht abzwacken, vielleicht muss ich doch schauen, ob neben dem Back-to-School Grabbeltisch noch irgendwo Werkzeuge rumliegen.

Der erste Neugierige ALDI-Besucher kommt. Eine Kanne Starkbier mit 10% im Anschlag, die zweite offensichtlich in der Hosentasche. Zeit für meine Deepl-Übersetzung mit Sprachausgabe. Die Antwort besteht aus einem französischen Redeschwall, ich verstehe quasi nix.


Die Lösung ist ganz klar. Dicht an mich ran gehen und in mein Ohr brüllen wird sicherlich in meinem Gehirn den Babelfish aktivieren und die Übersetzung ermöglichen, oder auch nicht.

¯\_ (ツ)_/¯


Mir fällt noch ein, dass der Klebstoff auf französisch „colle“ heißt. Mit Händen und Füßen wird gestikuliert und währenddessen weiter an der ersten Dose gearbeitet. Wir kommen weiter, er heißt Slim, ich werde zu CriCri. Mit noch mehr Händen und Füßen lerne ich das er Voyageur ist, Zigan, als kleiner junge in den Bergen Schafe gehütet hat und Mechaniker war, ich erkläre, das ich noch nach Belgien möchte.

Zwischendurch ruft seine Frau an, dem Tonfall nach leicht genervt, wo er den wohl bleibt? Die Erklärung: Mon Ami CriCri avec velo bateau. Dann kommt ihm die zündende Idee, ob ich nicht le Scotch-Tape, Gewebeklebeband, hätte? Ja, ich hatte die Rolle eingepackt. Er gestikuliert und zeigt, wie der jedes einzelne Beinchen umflechten möchte um es zu stabilisieren. Wir reißen ein 50cm langes Stück ab und nutzen die Schere aus der Erste Hilfe Tasche um den Streifen der Länge nach durchzuschneiden.

Die erste Umwicklung, während ich die Umlenkrolle halte dauert, aber das könnte was werden. Jetzt muss er erstmal Bier wegbringen zeigt mir die „beste Stelle“ hinte dem Aldi, ich muss nur wirklich nicht…. Egal, wir machen weiter. Zwischen durch wird zu Seigneur gerufen (oder MacGyver in meinem Fall) Mon Ami CriCri! – Mon Ami Slim! Das nächste Beinchen wird umflochten.

Mehrfach wird er angerufen, der Tonfall zeugt von immer weniger Begeisterung, das Slim noch unterwegs ist. Ein velo bateaux auf dem trockenen bei Aldi scheint wohl wenig plausibel… Beim Einbau der Umlenkrolle stecke ich vorne in der Öffnung und schraube mit dem langen Innensechskant, die Schraube will nicht so wie ich will. Slim steck seinen Kopf durch die Luke, und damit ich es verstehe, ruft entsprechend laut in mein Ohr, dass die Schraube von mir langsam und vorsichtig reingedreht werden muss…(Vermute ich zumindest) Gut, dass mir das jemand sagt.

Ich fahre eine erste Restrunde, es rumpelt, aber es läuft. High-Fives, Fistbump, Hände zum Himmel und Küsschen links, Küsschen rechts von Slim. Er macht ein Foto, möchte auch eine Runde fahren (was solls, wird schon halten) und ich mache ein Video von ihm. Er schickt es direkt zu seiner Frau, Slim im Velo Bateau!
Es sind inzwischen gut 2h vergangen, ich möchte so langsam los, es liegen noch einige Berge vor mir.

Slim gestikuliert „flach“ und „abwärts“ und macht eine Kurbelnde Handbewegung.

Slim gestikuliert „aufwärts“ und macht pfeifend eine „a pied“ gehende Bewegung vor. Der Plan ist klar, ich kann starten!

Wir müssen noch Bier trinken! (Wenn ich jetzt irgendwas an Bier trinke bleibe ich liegen) Ich trinke was von meinem Apfelsaft! Nein ich könne noch nicht los, nicht ohne ein Bier! Ich verschwinde schnell in den ALDI und komme mit zwei Dosen Starkbier wieder raus. Deepl wird angeworfen.

Das Versprechen die Dose zu trinken, wenn ich bei Frau und Kindern bin wird übersetzt. Slim ist hin und weg, er filmt die Tonausgabe von Deepl. Mit Grand-Depart starte ich, winke und mache erstmal ein paar Kilometer, bis ich aus dem Ort raus bin.

Statt der 150W vor dem Knirschen trete ich jetzt vorsichtige 100 Watt mit einer Kadenz von mindestens 80. Sollte ich darunter fallen steige ich aus, ziehe Crocs und Warnweste an und wandere den Berg hinauf.
Mein Bryton Rider 750SE kennt noch mindestens 10 „signifikante Steigungen“ bis zum Ziel, kleinere Hubbel nicht mit eingerechnet.

Da mein Handy wieder streikt bekomme ich die Spannung der Zuschauer im Chat und Forum gar nicht mit, im Nachgang ein dickes Danke! Das hat mich auch so weiter gebracht! Die rollenden Hügel und Abfahrten rauschen vorbei, die Steigungen erlebe ich intensiv.


An der Somme bleibe ich schon an der Brücke im Ort hängen, die nächsten Kilometer werde ich laufen. Die perfekte Gelegenheit mal zuhause anzurufen.
1756677801786.png

„Schaffst Du das denn noch in der Zeit?“ „Ist mir egal, ich hoffe, das ich überhaupt bis morgen um 11 Uhr in Jabbeke bin.“

Die Sonne brennt vom blauen Himmel.

1756677816579.png


Das Ende der Anstiege ist immer eine Erleichterung, gleichzeitig immer mit dem bangen Gefühl, ob die Umlenkrolle den nächsten Antritt noch weiter mitmacht.

1756677889570.png

Ein Randonneur überholt mich, einer der letzten, fast alle anderen, die noch hinter mir waren, haben mich bei ALDI überholt.

Die Wellen zwischen den Côtes, den steilen Anstiegen aus den Tälern hinaus laufen gut, kleine Steigungen können mit Schwung und Kadenz weggerollt werden. Die nächsten hügelingen 70 Kilometer habe ich einen guten 23er Schnitt bei durchschnittlich 96 Watt Leistung am Pedal. 3-5km/h ohne Leistung für eine halbe Stunde, da laufe ich dann und drücke das Velomobil den Berg hoch.

Die Zahl der verbleibenden Anstiege sinkt. Und dann, der letzte Anstieg. Ein Blick hinab ins Tal und die letzten Meter hinauf. Ich hoffe die Crocs jetzt erstmal wegpacken zu dürfen.

1756677909909.png
1756677947868.png

Die großen Hügel liegen bis zur französisch-belgischen Grenze hinter mir.


Der Schnitt steigt auf 29,4 km/h ich trete wieder 140 Watt und eine 80er Kadenz im Schnitt. Ich lasse zwei – drei Randonneure hinter mir. Die Verpflegungsstelle der Organisatoren taucht auf und ich nehme mir Chips und Bananen für den Weg nach Ypern mit. Die Sonne sinkt langsam dem Horizont entgegen und die „Eulen“-Hochspannungsmasten zeigen, dass ich noch in Frankreich bin.

1756677961337.png
Der Weg nach Belgien rein ist deutlich flacher als auf dem Hinweg. Wenn nichts dazwischen kommt, dann komme ich auf jeden Fall noch zum Ziel, ob vor oder nach 24 Uhr kann ich noch nicht sagen.

1756677983209.png

A n einigen kurzen Anstiegen muss ich nochmal aussteigen, Bailleul in Frankreich lässt das nahe Belgien schon erahnen. Es ist kurz vor 20 Uhr, Schlusszeit für die Kontrollen in Ypern, allerdings zählen die Zwischenzeiten nicht mehr.



Ypern kommt in Reichweite. Ich erreiche die Radkneipe um 21 Uhr, eine Stunde nachdem der „last post“ im Menenport gespielt wird, seit 1923 jeden Abend um 20 Uhr. (außer Anfang der 1940er)


1756678000739.png




Vor der Kneipe noch ein kurzes Woher und wohin und dann geht es mit einem „Success!“ auf die letzten 40 Kilometer. Das könnte vielleicht sogar noch vor 24 Uhr klappen.

Passend zum Shirt im Hintergrund der Soundtrack für die letzten 40 Kilometer:
Drop the Needle!



Vorher allerdings noch ein wenig ernüchternd und nachdenklich durch Menenport https://de.wikipedia.org/wiki/Menenpoort und entlang des Tyne Cot Memorial https://de.wikipedia.org/wiki/Tyne_Cot_Memorial zur blauen Stunde.

1756678021300.png
 
Zuletzt bearbeitet:
1756678123380.png

Nur gute 100 Jahre vorher wäre meine Spaßreise undenkbar gewesen.

Aber jetzt los!
Auf den langen Gefällen fliege ich voran, jage mit über 50-60 km/h dem Ziel entgegen und feure die Randonneure auf der Zielgraden im Vorbeiflug an. Wir schaffen das!

Mit gerade mal 112 Watt Leistung am Pedal, nicht dass die Umlenkrolle doch noch bricht, und einem Schnitt von 25,6 km/k auf den letzten 40 Kilometern komme ich um kurz nach 23 Uhr im Ziel an. Zufrieden, dass das alles so super geklappt hat und ich um so viele besondere Eindrücke reicher bin.

1756678198574.png

Die Rolle hat dank Slims Flechtkunst bis zum Ende gehalten.

Natürlich habe ich die Dose auf Slim gehoben!

1756678313266.png


Wandern und Radfahren auf der ganzen Route - Randonneur tout au long du parcours!
 
Toller Bericht! Sind solche empfindlichen Rollen bei einem Reiserad sinnvoll?
Ich bin die auch lange gefahren, bin selber nicht leicht, harte Steigungen und nie Probleme. @HurriChristoph ist halt ein Tier... ;)
Er meinte aber, eine Schraube wäre lose gewesen. Vielleicht war die auch verkippt und hat die Last etwas schräg abbekommen.
Oder gibts keine Alternative?
Samstag in Aldenhoven hat ein SL auch ne Ginkgo-Rolle zerstört. Passiert halt manchmal... ¯\_(ツ)_/¯
 
Danke für die Blumen. Vielleicht motiviert es ja den/die eine oder anderen auch mal eine Reise zu wagen. Es ist unglaublich bereichernd, so intensiv kann man (vergleichsweise behütet) sonst wohl kaum so wunderbare und wundersame Erlebnisse sammeln.

Wenn ich wieder an das Gute im Menschen glauben möchte und eine Bestätigung brauche, dass, auch wenn alles blöd ist, irgendwo plötzlich doch Hilfe her kommt, dann fahre ich ein Brevet. Egal ob der abgebrochene und umgestrickte 600er oder eine Runde zwischen Rhein und Seine, es ist einfach eine wunderbare Erfahrung (mit ein wenig Vorbereitung) mit Schwung in ein kleines Abenteuer zu springen und zu schauen, was passiert.

Neugier, Uhu, Küchenrolle, Gewebeklebeband und Slim, mehr braucht es nicht für ein unerwartetes, aber großartiges Erlebnis.

1756712301899.png
 
Danke auch für den Besuch bei mir am Montag.
Auch wenn es ein paar extra Kilometer für Euch bedeutete. Ich fand es prima Eure Erlebnisse aus erster Hand hören zu dürfen. Aber nächstes Mal setzen wir uns in den Garten!
 
Die Reparatur ist ein toller Hack um nach Hause zu kommen, super Lösung. Das Malheur so zu lösen, das ist Randoneur Spirit!
(ich hatte bei meinem Miniabenteuer natürlich gleich nen Platten, habe dann beim Aufpumpen die Pumpe zerlegt, aber zum Glück bin ich auch nach Hause gekommen. Und habe mir so einen Minikompressor bestellt. ) :)
 
Die Reparatur ist ein toller Hack um nach Hause zu kommen, super Lösung. Das Malheur so zu lösen, das ist Randoneur Spirit!
(ich hatte bei meinem Miniabenteuer natürlich gleich nen Platten, habe dann beim Aufpumpen die Pumpe zerlegt, aber zum Glück bin ich auch nach Hause gekommen. Und habe mir so einen Minikompressor bestellt. ) :)
Ich kenne mich, da ist dann irgendwann der Akku leer, genau dann, wenn ich Luft im Reifen brauche :-D
 
Am Straßenrand stehen, sich ne Wolf pumpen und dann 2 Teile in der Hand haben war auch nicht so toll. Ich würde auch immer noch ne traditionelle Pumpe mitnehmen, wenn es etwas weiter wäre, aber für den Alltag verspreche ich mit schon Erleichterung. (War zum Glück schon genug Luft drin, das ich nach Hause kam)
 
Zurück
Oben Unten