Hallo,
in zwei Wochen fängt die Schule wieder an und diesmal freue ich mich besonders auf das neue Schuljahr.
Aber der Reihe nach : Ich bin Lehrer für Mathematik und Technik an einer Hauptschule in Espelkamp (NRW, 50 km nördlich von Bielefeld). Seit vier Jahren leite ich eine Berufsqualifizierungsklasse (BuS-Klasse, BuS =Betrieb und Schule), in der Schülern Schlüsselqualifikationen für den Berufsstart vermittelt werden sollen.
Die Erfahrungen sind bislang gemischt, Praxis kommt bei den Schülern recht gut an, Theorie ist dagegen für viele Schüler notwendiges (für manche auch nicht notwendiges) Übel, dem man sich möglichst fern hält.
Um diesen Zustand aufzuweichen, habe ich mir für das kommende Schuljahr ein umfassendes Projekt vorgenommen, in dem ich Theorie und Praxis verzahnen will. Ich erhoffe mir, dass die Schüler mehr Motivation für ein "theoretisches" Thema aufbringen, wenn sie wissen, wofür das dann in der Praxis gut ist.
Da wir hier (u.a.) im Trikeforum sind, wird es niemanden wundern, dass das Thema des Projekts "BuS-Trike-Bau" sein wird.
Ich möchte mit meinen 12 Schülern insgesamt mindestens 6 Trikes bauen. Jeder Schüler hat nach Abschluss des Projekts (im Frühsommer 2011) die Möglichkeit, (s)ein Trike zum Selbstkostenpreis zu übernehmen. Sollten mehr als 6 Schüler ein Trike haben wollen, werden entsprechend mehr Trikes gebaut. Jeweils zwei Schüler bauen ein oder zwei Trikes.
Kostengünstige Materialbeschaffung
Mein größtes Problem war am Anfang die kostengünstige Beschaffung der Materialien. Also bin ich schon im Mai/Juni angefangen und habe Firmen und Bekannte auf kostengünstige Materialquellen angesprochen. Und siehe da es hat sich einiges getan :
- Ein hiesiger Fahrradhändler erklärte sich bereit, die Fahrradkomponenten zum Selbstkostenpreis weiterzugeben und Rücknahmeräder, die sich so nicht weiterverkaufen lassen, kostenlos oder gegen geringes Geld an uns weiterzugeben.
- Eine Stahlbaufirma erklärte sich bereit, alle Stahlteile (Rohr, Flachstahl, Wellen usw.) zum Selbstkostenpreis weiterzugeben.
- Eine Werkzeugbaufirma ermöglicht uns den kostengünstigen Einkauf von Kugellagern, Kugelgelenken, Schrauben usw.. Die gleiche Firma wird uns alle Maschinenarbeiten (insbesondere Dreharbeiten), die wir nicht selbst ausführen können durch ihre Auszubildenden machen lassen. Für diese Arbeiten müssen wir (meine Schüler) dann Zeichnungen von den gewünschten Teilen machen. So lernen beide (Auszubildende und Schüler) was dabei.
- Eine Polsterei näht uns die Bespannung für die Spannsitze gegen Sachspendenquittung.
- Ein Bekannter hat sich bereit erklärt, kostenlos sämtliche Schweißarbeiten mit einem professionellen Schweißgerät zu übernehmen. Er ist gelernter Schweißer und ist Frührentner. Wir heften die Teile vorher mit einem einfacheren Schweißgerät, dass er uns auch zur Verfügung stellt, zusammen. Das hat schon beim Bau des Prototypen hervorragend geklappt.
- Eine Firma für Pulverbeschichtung hat sich bereit erklärt, alle Rahmenteile gegen Sachspendenquittung zu pulvern. Die Farben können wir uns aussuchen.
Einige weitere Firmen haben auch schon signalisiert, dass sie uns unterstützen, aufgrund der Ferien werden wir aber erst im September über die Art und Weise der Unterstützung sprechen.
Damit wir die, mir selbst auferlegte, maximale Übernahmesumme von 400 € pro Trike nicht überschreiten, habe ich intensiv im Internet nach kostengünstigen Komponenten gefahndet und bin an etlichen Stellen fündig geworden. Der Fahrradhändler hat übrigens überhaupt kein Problem mit der Internetrecherche, im Gegenteil er berät mich bei der Beurteilung der Angebote und ist durch meine Suche selbst auf einige gute Quellen gestoßen.
Zum jetzigen Zeitpunkt liegt der Übernahmepreis für eins der Trikes bei knapp unter 400 €. Ich bin aber guter Dinge, dass ich den Preis durch weitere Unterstützung auf 300 € drücken kann.
Trike-Bauplanung
Nachdem ich wusste, dass ich einen auch für Schüler erschwinglichen Übernahmepreis hinbekomme, ging es an den nächsten Punkt, den Bau eines Prototypen. Ich hatte mir schon vorher Gedanken um einen Trikeselbstbau (für mich selbst) gemacht. Durch dieses Forum bekam ich dann Kontakt zu einigen Benutzern, die mich dann auch sehr gut unterstützt und beraten haben. Stellvertretend möchte ich Jack-Lee und Hornisse nennen, die mir sehr viele gute Tipps gegeben haben. Hornisse habe ich dann vor ca. sechs Wochen besucht, bin seinen Selbstbau Probe gefahren, habe Fotos gemacht und habe daraus meinen ersten Entwurf des zukünftigen BuS-Trikes gemacht. Hornisses, meiner Meinung nach sehr guten Selbstbau, konnte ich nicht 1:1 übernehmen, da sein Tretausleger sehr steil vom Hauptrahmenrohr aufsteigt. Da er sein Trike genau auf seine Körpergröße zugeschnitten hat, ist das für ihn kein Problem. Meine Schüler sind aber verschieden groß, da muss ich eine recht große Verstellmöglichkeit haben. Das geht aber nur vernünftig, wenn ich den Tretausleger einigermaßen flach nach vorne rausschieben kann.
Prototypen-Bau
Nachdem der Plan für den Prototypen feststand, ging es eine Woche vor Ferienbeginn (meine alte BuS-Klasse war schon entlassen) mit voller Power an den Bau des Prototypen. Ich stand dabei etwas unter Druck, weil ich diesen Prototypen im Urlaub in den Alpen ausgiebig testen wollte. Der Urlaub begann am 31.7. womit ziemlich genau 3 1/2 Wochen Bauzeit verblieben. Ich habe dann 6 Tage die Woche, 10 Stunden täglich an dem Prototypen gebaut, sehr anstrengend aber trotzdem eines der schönsten Erlebnisse, die ich im Zusammenhang mit meiner Lehrertätigkeit erlebt habe.
Einen Tag vor Urlaubsbeginn stand dann das Ding fertig auf dem Schulhof. Erster Eindruck - sehr gelungen, zumindestens für ein Erstlingswerk unter Zeitdruck.
Die erste Urlaubswoche war ich mit Frau, Sohn + Freundin in Meck-Pomm. Dort sind wir die ersten 150 km mit dem neuen Trike gefahren. Einige kleinere Probleme (z.B. mit der Umlenkrolle hinten) traten auf und wurden (zumindest vorläufig) gelöst. Zwischen dem Ostseeurlaub und der Alpentour hatte ich dann noch einmal 2 Tage Zeit, ein paar Dinge an dem BuS-Trike zu verändern.
Dann ging es letzte Woche Sonntag in Richtung Waldshut am Hochrhein. Von dort aus sind mein Sohn und ich dann den Rhein hoch, am Bodensee entlang bis nach St. Anton im Montafon gefahren. Auch hier traten noch ein paar kleinere Probleme auf, die wir aber recht leicht lösen konnten.
Wir wollten von St.Anton aus eigentlich über das Silvretta ins Inntal und dann bis zum Chiemsee fahren. Leider spielte das Wetter überhaupt nicht mehr mit. Nach zwei Regentagen in St. Anton mit verheerenden Wetteraussichten für die nächsten Tage, nutzten wir den halbwegs trockenen Freitag zum Rückstoß zum Bodensee. An dem Tag konnte das neue Trike seine Qualitäten unter Beweis stellen. Wir sind an dem Tag mit jeweils 25 kg Gepäck in sieben Stunden (mit zwei Pausen von zusammen einer Stunde) ziemlich genau 120 km, mit einem Schnitt von 20 km/h gefahren. Zugegebener Maßen ging es tendenziell bergab, aber die 230 "Tiefen"meter (St. Anton 630 m, Konstanz 400 m) machen den Kohl nicht wirklich fett.
Vorläufiges Fazit
Gestern sind wir dann von Waldshut mit dem Auto zurückgekehrt.
Fazit : Das BuS-Trike hat den ersten Härtetest gut bestanden. Es gibt noch einige kleinere Schwachstellen, die ich aber z.T. schon gestern abgestellt habe.
Wie geht es weiter?
In zwei Wochen beginnt die Schule und ich werde mit meiner Klasse sofort in das BuS-Trike-Projekt einsteigen. Erster Schritt wird sein, den Prototypen zeichnerisch zu erfassen. Ich habe zwar eine Zeichnung, die ich mit einem Computerprogramm erstellt habe, aber erstens bin ich an einigen Stellen von den ursprünglich geplanten Maßen abgewichen und zweitens sollen die Schüler ja aus dem Projekt lernen.
Ich möchte das BuS-Trike-Projekt von Anfang an mit den Schülern auch hier im Trike-Selbstbau-Forum dokumentieren. Wir werden alle Zeichnungen, alle Materialien und viele, viele Bilder ins Netz stellen. Meine Kollegin, die in der BuS-Klasse Deutsch unterrichtet, und ich werden mit den Schülern jede Woche Projektberichte mit allen möglichen Begleitmaterialien erstellen und hier (wenn es keine Bedenken von Reinhard gibt) öffentlich machen.
Wir wünschen uns ausdrücklich konstruktive Kritik bzw. Tipps, die uns weiterbringen. Worum ich bitten möchte, ist, dass die Kritik moderat und sachlich formuliert wird. Ich habe hier auch schon vernichtendes, fast ehrabschneidendes Abkanzeln erlebt. Geht mit meinen Schülern und mir bitte konstruktiv und sachlich um.
Wenn jemand Lust hat nach unseren Plänen, sein eigenes Trike zu bauen, ist er natürlich herzlich eingeladen. Alle normal zugänglichen Materialquellen werden wir öffentlich machen. Lediglich die "gesponserten" Quellen kann ich natürlich nicht für Mitbauer zugänglich machen. Evtl. kann ich aber den Fahrradhändler fragen, ob er für die Mitbauer günstige Preise machen kann.
So, das war es erst einmal. Ich melde mich dann spätestens mit Schuljahresbeginn mit den ersten Projektberichten.
Anbei noch ein paar Bilder von dem Prototypen.
Dazu noch eine Anmerkung : Die beiden Laufräder vorn (große 451 mm 20"-Räder) sind Leihgaben eines Freundes, der die beiden noch liegen hatte. Das 20"-Rad hinten hatte ich noch selbst, da ich mir für mein Steintrike vor zwei Jahren ein Dual-Drive-Hinterrad nachgekauft habe.
Für das BuS-Trike sind vorn zwei 20" Räder vorgesehen. Die habe ich nach einem Tipp, den ich von Schwabbel irgendwo gelesen habe, inzwischen im Internet bestellt. Das Hinterrad wird sehr wahrscheinlich ein 24" oder 26" Rad mit 7-fach Kassette. Durch das größere Hinterrad wird die Kettenumlenkung hinten besser. Bei dem jetzigen kleinen Hinterrad ist die Kettenlinie von der vorderen Umlenkrolle zur Kassette fast genau gerade, da macht eine Umlenkrolle keinen Sinn sondern nur Krach (weil die Kette, ohne Druck über die Zähne kämmt). Mit dem größeren Hinterrad kommt dann auch mehr Winkel in die Kettenlinie, da ich das Hauptrahmenrohr trotz des größeren Rades wie jetzt waagerecht über dem Boden bleiben soll. Dazu muss ich lediglich den Dämpfer etwas anders am Rahmen befestigen.
bis demnächst
Wolfgang

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